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Der Antheil der Russen am Feldzug von 1799 in der Schweiz : Ein Beitrag zur Geschichte dieses Feldzugs und zur Kritik seiner Geschichtsschreiber / von Dr. Otto Hartmann
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der Kultur ziemlich zurückgeblieben zu sein. Ein Offizier verzehrtein seinem Quartier mit Erlaubniss des Hauswirths ganze Talgkerzen.Weit gebildeter waren die Husarenoffiziere, von denen mehrere fran-zösisch sprachen. Beliebt waren besonders diejenigen des Jäger-regiments Titoff Deutschrussen aus dem liefländischen Adel. Aberauch bei andern Kegimentern, so bei Essen EU 1 ), fand man imOffizierscorps viele deutsche Namen. Viele Offiziere liebten das Spielleidenschaftlich und es wurde denn auch in Zürich eine Spielbankgegründet. Trotz einzelner ungünstiger Urtheile ist aber das Bild,das Meyer von der russischen Armee entwirft, im Allgemeinen einfreundliches. Namentlich hebt er rühmend hervor, dass die Armeefür sich selbst gesorgt und strenge Manneszucht beobachtet habe,und nur hie und da seien von den hungrigen Soldaten Eeldfrüchtegestohlen worden.

Weit ungünstiger äussert sich Hess, der aus eigener Anschauungurtlieilen konnte] 2 ). Namentlich auf die Kosaken ist er nicht gut zusprechen. Nach seiner Schilderung waren dieselben sehr schmutzig,ihre Hütten glichen Hundeställen. Sie schlugen mit den Lanzen dieAeste herunter, gruben Kartoffeln aus, verschlangen die Nüsse mitSchalen und Hülsen, ebenso Seife und Talgkerzen etc. (!). Sie weidetendas Land ab, wie ein Heuschreckenschwarm. U. a. ritten sie auchzu den Metzgereien, spiessten das erste, beste Stück Fleisch an dieLanze und jagten davon. Die Infanterie sah hungrig und abgemagertaus. Ihre Zelte waren gut, aber die Soldaten erhielten nur einenSold von 2 Kreuzern täglich und schimmeliges Brod. Kein Wunder,dass sie stahlen, was sie erhaschen konnten, in der Stadt und aufdem Lande, wo sie Feld- und Baumfrüchte Wegnahmen und allesungekocht und unreif assen. Auch Hess erzählt von den Bajonnett-manövern im Sihlfeld (zwischen Zürich und dem Uetliberg, alsoganz in der Nähe der feindlichen Vorposten), welche auch die Auf-merksamkeit der Franzosen erregten.

Das ungünstige Urtheil von Hess wird im Allgemeinen be-stätigt und ergänzt durch die Schilderung eines Augenzeugen, der

b Es gab mehrere Generale dieses Namens in der russischen Armee, daherdie beigefügte Ziffer.

2 ) Seine Tagebuch-Aufzeichnungen sind um so werthvoller als sie gleichzeitigoder kurz nach den geschilderten Ereignissen niedergeschrieben wurden, und gerade hin-sichtlich der Bussen um so beachtenswerther, als er ein entschiedener Gegner derFranzosen war.