Band 
Adrastea III.
Seite
37
JPEG-Download
 

2 ?

der Humanität.

zu prüfen. Wahrheit und Irrthum, Vorurtheil undGewißheit in ihnen strenge zu unterscheiden, und so-dann dem unschuldigen oder gar nothwendigen WahnZwar fein Gebiet zu lassen, mit nichte» ihn aber zumGesetzgeber jeder menschlichen Wahrheit, mit nichte»ihn zum Richter jeder fremden Denk- und Sinnes,ark zu erheben.

Diese seltnen, vom Himmel privilegirtcn Seelensind diejenigen, die man allein tolerant nennenkann; sie schonen den Wahn des andern auch inFallen, in denen er ihrem eignen liebsten Wahnentgegenstehet. Sie sind die duldsamsten Freunde,die lehrreichsten Gesellschafter: denn auch über dieverwickeltsten Aufgaben der Menschcngeschichte laßtsich mit ihnen ohne Haß und Zorn disputiren. Dergemeine Haufe der Menschen ist nur solange Freundgegen einander, als sein Lieblingswahn gefördert oderwenigstens nicht beleidigt wird.

Und wie sonderbar, wie abenlheuerlich dieserLieblingswahn seyn könne, lernt man zuweilen mitder größesten Verwunderung eben da einsehen, woman dergleichen bei sonst so richtigen Begriffen undGrundsätzen je kaum vermuthet hatte. Der Glaubean Gespenster und an andre Dinge dieser Art ist wohlder verzeihlichste in solchem geheimen Wahnregistec,da sich in ihm oft wunderlichere Artikel finden. Ge-meiniglich hält ihr Besitzer diese, als sein eigenstesEigenthum theuer und werth; unvermerkt entwischensie ihm nur, wenn nicht etwa gewaltige Leidenschaf-ten, außerordentliche Zeitumstande und Situationensie mit Gewalt erpressen und herausfodern. Dannstreitet er aber auch für sie, eben weil sie Schwä-