S8 Briefe zu Beförderung
chen seiner Natur, Gebilde seiner Phantasie sind, alsfür seine liebsten Kinder. Wer um die wichtigsteWahrheit mit ihm ficht, wird nie so sehr sein Geg-ner seyn, als wer gegen eine Lieblingsmeynung, diewie ein Polypus in sein Herz gewachsen ist, einigeBefremdung äußert. Gehen Sie, m. H., in IhrenGedanken die Zahl Derer durch, die Sie in Unserhung ihres Innern am nächsten gekannt haben; Siewerden sich sonderbarer Wahngestalten erinnern.
Das Gebiet des Wahnes erstreckt sich insonder-heit auf Dinge, die den Menschen zunächst ange-hen, auf seine Person und Gestalt, auf seinen Stand,seine Nation, seinen Zweck und Charakter. Wie eSz. V. Personen giebt, die im Innern ein ganz an-deres Bild von sich umhertragen, als die sie sind;sie erschrecken vor ihrer äußern Gestalt im Spiegelals vor der Gestalt eines fremden Wesens; so giebtes deren noch weil mehrere, die in Ansehung ihresInnern ein fremdes Bild mit sich tragen, bin be-rühmter König unsres Jahrhunderts war in - seinerPhantasie immer nur Oberster eines Regiments, undwars mit Lust; alle königliche Pflichten erfüllte erals eine fremde Person, als ein strenger Amtmann.Unzahliche Wunderlichkeiten flössen daher, die ohnedies Bild einer fremden, ihm einwohnenden Wahn-gestalt unerklärlich blieben, durch sie aber sich alle er-klären. Was uns die Berichte, der Aerzte von Krank-heiten der Einbildungskraft erzählen, da jener sichseine Füße als Strohhalme, dieser sein Gesäß gläserndachte, ein dritter die Welt zu überschwemmen fürch-tete, sobald er sein Wasser ließe, alle diese Geschich-ten oder Mährchen sagen im Grunde weniger, als