14b Briefe zu Beförderung
ten Volk sichtbar machen konnte. Selbst in dieBecakhschlagungen und Zänkereien vor Gerichtging Redekunst als ein Haupterforderniß über. In-dem Alles vorm Publikum verhandelt wurde, soward dies Publikum durch Rede gefesselt, durchKunst der Rede geführt und gelenket.
Haben Wir dies Publikum der Griechen?Nein; und in mehreren Stücken ists vielleicht gut,daß wir es nicht haben. Wo über Krieg und Frie-den, über Leben und Tod der Beklagten, überVerdienst und Belohnung die Kunst der Rede ge-bieten darf; wie vielen Verleitungen ist und bleibtdie Seele eines unerzogenen Volks ausgesetzt, diemit ihrem ganzen Urtheil im Ohre wohnet! DieGeschichte der Griechischen Republiken, insonderheitAthens, zeigt uns davon eine große Gallerie fürch-terlich-schön gemahlter Beispiele, bei deren Ueber-blick mancher Nordländer oft mit frohem Schaudersagen wird: „0 der leichtsinnigen Griechen! Wohluns! diese Zeiten sind vorüber!" Ein Gleicheswird er vielleicht von den Religions- und Staats-feierlichkciten, den öffentlichen Spielen, Tanzen,Uebungen und Wettkampfen, vielleicht auch vomganzen Theater in Athen sagen. Und allerdings ge-hört Alles dorthin und in jene Zeiten.
Aber warum hätten wir denn ein Theater,wenn wir kein Publikum fürs Theater haben mö-gen? Warum hatten wir Kunst, wenn es nichtdie Griechische seyn kann? Warum unterfingenwir uns, Vergnügungen des Geschmacks zu haben,wenn es kein Publikum des Geschmacks geben soll?