s5o Briefe zu Beförderung
wird sich Alles ausdrücken lassen. Wie sie zu un-serm Verstände spricht, wird sie auch zu unsermHerzen zu sprechen wissen und dies, als wäre eSder Verstand, sanft überreden, verständig rühren.
Als aus der alten Romanischen Sprache dieFranzösische sich mit ihren Schwestern, der Italiäni-schen, Castilianischen, Gallicischen u. f. bildete,zeigte sich bald ihr Charakter. Nach dem Verfalldes Römischen Reichs, unter den Königen des erstenund zweiten Stammes war sie jenen ihren Schwesternnoch sehr ähnlich; allmählig aber legte sie die Fes-seln, selbst der Harmonie, des Italiänisch - Castili-anischen Wobllauts ab, wo er ihr eine schwere Rü-stung dünkte; sie warf Buchstaben, Svlben, ganzeWorte hinweg, und flog leicht in die Lüfte. Manerzählte, sang, sprach, lachte, gcsticulirte. Als dieScholastik aufkam, disputirte man; die Abstraktio-nen des lateinischen Schulgeistes gingen in die ver-wandte Sprache des Landes und Volks unvermerktüber. Einer Sprache, die Zweideutigkeiten unab«läßig ausgesetzt ist, mußte man, als sie sich regelte,durch eine desto genauere Construction und Wortord-nung helfen. Keinem Volk wäre dies eingefallen,dem nicht schon eine Art sprechender Vernunftzur Regel geworden war; und so wurde die Fran-zösische Sprache was sie ist, eine an leichten Ab,straktionen reiche Sprache, die sich durch Lrdnung,durch Wendungen helfen mußte, und zur Ehre desGeistes der Nation tausendfach geschickt aushalf. Welcheinen bedächtigem Gang nahm die Italiänische, Spa-nische, und welchen schwereren die Deutsche Sprache!Man entnimmt einer Nation nichts, wenn man ihr