Buch 
Die Vorfragen der systematischen Theologie mit besonderer Rücksicht auf die Philosophie Wilhelm Wundts kritisch untersucht : Inaugural-Dissertation der theologischen Fakultät der Universität Jena zur Erlangung des Licentiatengrades und der Venia Docendi / vorgelegt von Friedrich Reinhard Lipsius
Entstehung
Seite
6
JPEG-Download
 

6

Jedenfalls ist hier das Wortimmanent in einem gänz-lich anderen, als dem sonst in Metaphysik und Religions-philosophie üblichen Sinne gebraucht. Der Sache nacherneuert diese Schule den Berkeleyschen Satz esse =percipi, lehnt aber den theologischen Hintergrund ab, denihm sein Urheber gegeben hatte. Der grübelnde Bischofvermochte sich bekanntlich nur dadurch vor dem Solip-sismus zu retten, dass er annahm, Gott erzeuge in denEinzelgeistern in gesetzmässiger Weise die Vorstellungder Körperwelt. Die immanente Philosophie, wenigstenssoweit sie von Schuppe vertreten wird, stellt statt dessendie Lehre vom abstracten odergattungsmässigen Ichauf, dessenConcretionen die Einzeliche sind 1 . Alsobjectiv wahr hätte hiernach zu gelten, was in unsermBewusstsein zugleich dem allgemeinen Ich angehört. Dochist das augenscheinlich nicht weniger einmetaphysischerGewaltstreich wie Berkeleys Lehre. Auch beweist dieimmanente Philosophie durch solche Construction einesWeltich ihre Verwandtschaft mit den romantischen Sy-stemen, ins Besondere der Metaphysik Eichtes mit seinerabsoluten, sich selbst Schranken setzenden That 2 . Istes nun an und für sich schon ein tragisches Schicksal,dass eine Weltanschauung, die streng auf dem Boden derEmpirie verharren will, zu solch phantastischen Luft-sprüngen getrieben wird, so ist es noch eigentümlicheranzusehen, wie sie auf Schritt und Tritt mit den empi-rischen Wissenschaften in Conflikt gerät. Da sie nurBewusstseinsdaten als real anerkennt, muss sie alle Cor-

1 Ygl. Wundt, Ueber naiven und kritischen Realismus I,Philosoph. Studien XII, S. 372 ff.

2 A. a. 0. S. 386.