264
Der Fcldzug 1812 in Rußland nach einmal.
hier die geheime Denkschrift vollständig übersetzt, die Barclay un-mittelbar nachdem er das Heer bei Tarntino verlassen hatte, an denKaiser richtete, nm sich zn rechtfertigen. Wir hatten sie zwar imLeben Toll's als eine Hanptquelle fleißig benutzt, aber es ist dochetwas Anderes und von Interesse, eine solche Quellenschrift im Zu-sammenhange vor sich zu sehen.
Sehr deutlich tritt uns in diesem Bericht die zerfahrene Plan-losigkeit entgegen, mit welcher der Feldzug vou Seiten der Russenwährend dieser Periode geführt wurde. Sie war zum Theil dadurchherbeigeführt worden, daß die Großartigkeit der Verhältnisse und Er-eignisse alle Voraussetzungen, Alles, worauf man vorbereitet war, beiWeitem überflügelt hatte; daß man alle früheren Plane hatte aufgebenmüssen, und stets mit dem Nächsten beschäftigt, bei der fortwährendenZwiespältigkeit des vielköpfigen Raths nicht dazu gelangte, neue um-fassende Pläne festzustellen. Es war dem Zustand kaum abzuhelfen,da der Kaiser, ohne dessen Sanction nichts beschlossen werden konnte,was sich auf das Ganze des Kriegs bezog, die Armee verlassen hatte,ohne einen anderen Beschluß zurück zu lassen, als daß die beiden Heereunter Barclay und Bagration sich wo möglich vereinigen sollten —seitdem aber, fern vom Rath der Feldherren, in Petersburg weilte. —Gesteigert wurde dann die Zerfahrenheit, wie gesagt, dadurch, daß imHauptquartier die leidenschaftlichste Aufregung herrschte und die selt-samsten, nicht sehr ehrenhaften Intriguen sich kreuzten.
Sie würde noch greller hervortreten, wenn Herr v. Smitt dietägliche Correspondenz Barclay's mit dem Kaiser und mit Bagrationhinzugefügt hätte.
Die Standhaftigkeit des Kaisers Alexander ist vielleicht um sohöher anzuschlagen, da er auf solche Ereignisse — aus den Krieg sotief im Innern des Landes, auf den Verlust von Moskau ganz undgar nicht vorbereitet war. Aber er hatte schon angekündigt und wie-derholte, wenn das Unglück auch noch größer würde, ja wenn er bisKasan fliehen müßte, würde er nicht nachgeben.
Die Abschrift, nach welcher Herr v. Smitt Barclay's Denkschriftübersetzt, scheint nicht ganz frei von Fehlern zu sein. In Folge dessenwäre auch in der Uebersetzung einiges zu rügen — doch meist vonuntergeordneter Bedeutung. Es will z. B. wenig sagen, daß nach derUebersetzung Barclay's Urtheil über Ijermolow dahin lautet, daß dieser