Leibeigenschaft und Freilassung der Bauern in Rußland. 283
daß die Freilassung der Bauern immer und überall einen Fortschrittim Sinn der liberalen Ansicht der Dinge bedeute: — mit der un-bestimmten Voraussetzung, daß dem auch in Rußland so sein müsseund werde. Diejenige wohlbekannte Partei bei uns dagegen, diebisher gewohnt war in Rußland eine Art von conservativem Para-dies zu sehen, und in seinem Kaiser den Hort und Schirmvogt einerWeltordnung in ihrem Sinn, beurkundet in ihren Zweifeln nnd Be-denken noch entschiedener eine wirklich seltsame Unkunde. Sie wargewohnt sich Träumen von patriarchalischen Verhältnissen hinzugeben,nnd aus vorausgesetzter väterlicher Fürsorge aus der einen Seite,nnd liebender, ja anbetender Hingebung auf der anderen, eine ima-ginäre Glorie rührender Dorfglückseligkeit um die rohesten Zuständeder Leibeigenschaft zu weben. Wozu, wird von dieser Seite ängstlichgefragt, will man Verhältnisse muthwillig stören, die im Ganzen sobefriedigend sind? Sollte auch hier und da nach zu helfen, sollten einzelneUebelstände zu beseitigen sein: weshalb will man den conservativenPrincipien untreu werden, und sich auf unnütze und gefährliche, li-beralisirende Experimente einlassen? Denn gerade wie ihre Gegnersprechen auch die Stimmftihrer der mittelalterlich gesinnten Ritter-und J-mkerpartei unter uns von dem, was in Rußland beabsichtigtwird, als sei von einer That unbedingt freier Wahl die Rede; alswolle der Kaiser nach persönlicher Ansicht, oder bloß allgemeinen,abstracken Principien huldigend, etwas unternehmen, was er eben sogut unterlassen könnte.
Darin spricht sich der entschiedenste Irrthum in Beziehung aufdie Beweggründe aus, durch die man sich in Rußland veranlaßt sieht,die bisherigen Bahnen zu verlassen: — ein Irrthum, wie er ebennur ars der gerügten Unbekanntschast mit der wirklichen Lage derDinge in dem großen Slawenreich hervorgehen kann.
Bas in Rußland aus eine durchgreifende Umgestaltung der be-stehenden Verhältnisse, ja der Grundlage des gesellschaftlichen Baueshindrälgt, das ist kein bloßer kaiserlicher Einsall, keine Gefühlspoli-tik: — es ist eine sehr bestimmte, unabweisbare, in der That schonzu tanze verkannte Nothwendigkeit.
D'r unbefangene Beobachter konnte sich über diese Nothwendig-keit schon längst, schon fast seit einem Menschenalter nicht mehrtäuschen