Leibeigenschaft und Freilassung der Bauern in Rußland. 285
er ziemlich willkürlich für den normalen erklärte. Wo die Welt be-reits über diesen Punkt hinausgegangen war, sollte sie wieder dahinzurückgeführt werden. Hätte man ihn gehört, so wären die seltsam-sten Kreuzzüge in diesem Sinn unternommen worden. Nur in EinerBeziehung, nur in dem, was die Lage der leibeigenen Bevölkerungin Rußland betrifft, war er geneigt eine Ausnahme zu machen. Ge-wiß wird niemand den Kaiser Nicolaus im Verdacht haben, daßer möglicher Weise in dieser Einen Beziehung von sentimentaler Ge-fühlspolitik beherrscht sein konnte, oder etwa vollends die Emanci-pation des Bauernstandes wollte, um dem Geist der Zeit in frei-sinniger Weise zu huldigen. Ein solches Streben konnte bei ihm nurEinen Grund haben: die, wenn auch vielleicht schwankende Einsicht,daß die Leibeigenschafts-Verhältniffe unhaltbar geworden seien, daßin ihnen der Grund innerer Schwäche des Reichs und dieElemente der furchtbarsten zukünftigen Umwälzungen lagen.
Nicolaus I. wollte demnach die Aufhebung der Leibeigenschaftherbeiführen: — aber es fehlte ihm der Muth, wirklich Hand an dasWerk zu legen. Hier griffen dieselben Besorgnisse, die ihn überhauptbeherrschten, wieder in anderer Weise lähmend ein. Er glaubte sichin dieser Beziehung mit Argwohn überwacht und fürchtete, sich indem russischen Adel, zumal unter den Großen, gefährliche Feinde zuerwecken. So versuchte er denn eben nur, sich mit vorsichtigen, kaummerklichen Schritten, einem besseren Zustand der ländlichen Bevölke-rung allmählich zu nähern, und verordnete Eines und Anderes indiesem Sinn. In Einigem, besonders in dem, was aus Speransky'sRathschlägen hervorgegangen war, scheint wohl eine richtige Ansichtder Dinge durchzuschimmern, wenn diese auch wohlweislich nicht un-umwunden ausgesprochen wurde: — aber es fehlte überall der rechtenachhaltige Ernst. Natürlich blieben diese Versuche, in schwankenderWeise unternommen, ohne festen Entschluß, ohne bestimmtes Bewußt-sein des Ziels, ohne entschiedene Energie des Willens, vollkommenillusorisch; es ging davon nichts in das Leben über; sie blieben ganzeinfach unausgeführt, und änderten folglich schlechterdings nichts anden wirklichen Zuständen.
Endlich brach der orientalische Krieg herein; der Kaiser Nicolausstarb: — wir dürfen wohl sagen, er brach zusammen unter dem Ge-wicht der furchtbarsten aller Enttäuschungen. Schmerzlicher Ersah-