2H8 Leibeigenschaft nnd Fvcilaffung der Bauern in Rußland.
Feinde nicht gewachsen sei; in ganz Rußland verbreitete sich dasunheimliche Gefühl, daß man an materiellen Mitteln der Macht, undan der Intelligenz, die sie zu leiten und zu verwenden weiß, zu weitgegen die Gegner zurückstehe, um bei fortgesetztem Kampf irgend ausbessere Erfolge hoffen zu dürfen. Nur gesteigertes Unheil war vorauszu sehen: darum ließ man sich nicht allein den Frieden, — einenersten besten Frieden — gefallen, sondern auch das Verlangen nachReformen, das vom Thron herab ausgesprochen wurde, fand einlautes Echo im Lande, und durfte theilweise sogar auf Verhältnissebezogen werden, die man bisher als ganz unantastbar betrachtetwissen wollte. „0'statt uns lsyon!" sagen jetzt die Russen, wennsie von dem letzten Kriege sprechen, „o'ätait uns tsrrible leyou!" —und die Nothwendigkeit, dem Staat eine veränderte Grundlage zugeben, mußte jedem einleuchten, selbst wenn man den Staat nicht imSinn der Alten als res publiea auffaßte, nicht mit der Gesellschaft,sondern in der Art Ludwigs XIV. mit der Regierung und derDynastie identificirte, und seine Bestimmung darin suchte, in Glanzund Macht nach Außen dazustehen. Denn unter dem Einfluß desbisherigen Systems war Rußland arm und unmündig geblieben; eswar nicht dahin gelangt eine Macht zu entwickeln, die den von derNatur und der Geschichte des Reichs gegebenen Grundlagen möglicherMacht irgend entsprochen hätte.
Man erwäge nur! Selbst abgesehen von den öden Provinzenin Asien, die einen halben Welttheil bilden, ist das europäische Ruß-land ungefähr eils Mal so groß als Frankreich; es ist zum großenTheil sehr fruchtbar. Die fruchtbarste Erde, die ohne alle Cultur,und wenigstens scheinbar unerschöpflich, willig die reichsten Erntenhervorbringt, die sogenannte „schwarze Erde" (Tschernosiem), die amnördlichen Fuß der Karpathen beginnt, und sich durch Podolien,Wolynien und das mittlere Rußland bis an die Wolga hinzieht,bedeckt einen Landstrich, der anderthalb Mal so groß ist, als das ge-sammte Ländergebiet des deutschen Bundes. Das Land ist dünnbevölkert und zählt doch im Ganzen an sechzig, in Europa vierund-sünszig Millionen Einwohner. Und mit solchen Elementen des Wohl-stands und der Macht vermag das Reich kaum ein Staatseinkommenauszubringen, das einem Drittheil des französischen Jahresbudgetsnoch lange nicht gleichkommt!