380
Das russische Heer im Frühjahr 1854.
darf. Auch fordert man in der That sehr wenig von ihnen, und selbstdas Wenige wird — insofern es über Fertigkeit im Exerciren hin-ausgeht großentheils nur scheinbar geleistet.
Im Allgemeinen lassen sich die Offiziere in vier Klassen ein-theilen. In die erste gehören die ausdrücklich für die Garde erzo-genen jungen Leute, Zöglinge der Garde-Junker-Schule — in die nursiebzehnjährige Jünglinge eintreten können — oder des Pagen-Corps,in das nur Söhne von General-Lieutenants, oder von Civil-Beamten,die den entsprechenden Rang haben, aufgenommen werden. Diejungen Herren sind zu einem sehr großen Theil Söhne reicher undvornehmer Leute, und treten mit einer oberflächlichen französischenBildung — die schon aus dem elterlichen Hanse herrührt — ausge-stattet in das Leben, wo sie sich dann durch den Dienst in der Garde— am Hofe — und in der Gesellschaft weiter bilden wozu sie können.Natürlich gehen aus dieser Klasse vorzugsweise viele Generale hervor.Zum Theil gewandte Weltlente, brauchbar durch frühe Gewohnheitin wichtigen Auftrügen verwendet zu werden. Zum Theil aber auchnur Salons-Generale, die als militairische Luxus-Artikel, dem Hofezur Zierde gereichen.
Eine zweite Klasse bilden die Zöglinge der Cadetten-Corps, die,wenn man nach den Leetions-Cataloguen dieser Anstalten urtheilendürfte, sehr wohl unterrichtete, sogar hochgebildete junge Leute seinmüßten, in Wahrheit aber aus der Welt nichts gelernt haben, alsexerciren. Alles Andere ist leeres Scheinwesen.
Daß schließlich das Ergebniß alles Unterrichts in diesen Corpsnur dahin und nicht weiter führt, läßt sich leicht genug erklären. DieForderungen, die hier, wie in allen Schulen Rußlands, namentlichin den höheren, gestellt werden, stehen nämlich in eigenthümlicherWeise mit sich selbst im Widerspruch. Auf diesem Gebiet vor allenist der Eindruck maßgebend geworden und geblieben, den die tragi-schen Ereignisse am 14/26 December 1825 gemacht haben. Aus dereinen Seite möchte man gern tüchtige Leute haben, die im Standewären, etwas zu leisten — andererseits ist man besorgt, durch einernstes, tief gehendes Studium könnte ein Geist verwegenen, selb-ständigen Denkens und Forschens geweckt werden, der dann vielleichtein revolutionaires Element in sich trüge. In diesem Geist sucht maneigentlich überhaupt nur das Studium der realen Wissenschaften zu