Band 
Zweiter Band.
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Frankreich, Oesterreich und der Krieg in Italien, (1859,) 217

Deutscher sein, oder ein Franzose, der in Deutschland ausgewachsen,oder dessen Mutter eine Deutsche oder eine Engländerin war. DerRomanschreiber fürchtet unwahrscheinlich zu werden und gegen dasCotorit zu verstoßen, wenn,er dem reinen Vollblut-Franzosen eineideale Gesinnung beimessen wollte. Nur der royalistische Roman suchtallenfalls noch solche Helden unter den, fern von dem Treiben desTages lebenden Rittern der Vendoe.

Und was für bittere Klagen über den allgemeinen sittlichenVerfall mußte der Verfasser in Frankreich selbst hören; — in denverschiedensten Schichten der Gesellschaft; in den Sälen der Aristo-kratie; im Cabinet des Gelehrten; im Hause des verständigen Bür-gers, und selbst am Heerd des einfachen Landmannes! — So ergingsich ein Gelehrter gegen uns in einer zürnenden Beschreibung desschleichenden Unwesens der geheimen Polizei, wie sie jetzt in Frank-reich gehandhabt wird; des Betrugs, der bei allen Wahlen mit einerArt naiver Dreistigkeit ganz offen geübt wird; der öffentlichen Zu-stände überhaupt, und der feigen Entartung, die solche Zustände garwohl für das erkennt, was sie sind, sie verurtheilt und schmäht, aberdennoch duldet. Ich mußte — wenn auch, wie billig, in schonendenWorten — zugeben, daß auch mir nicht Alles in Frankreich seit 1789im Fortschreiten scheine; daß namentlich die herrschende Gesinnungan Adel und Würde seit jener Zeit wohl kaum gewonnen habe. Unterden merkwürdigen Erscheinungen der ersten Zeiten jener gewaltigenRevolution gedachte ich auch der Girondisten; ein schweres Urtheilder Nachwelt lastet auf ihrem Andenken, und mit dem vollsten Recht.Wie dem jedoch sei, und wie hart man sie vorn politischen Stand-punkt beurtheilen möge: Uneigennützigkeit, Adel der Gesinnung unddes Charakters wird man den Besten unter ihnen nicht absprechenkönnen. Ich muß mich, sagte ich, zuweilen zweifelnd fragen, ob esauch wohl noch heute gelingen könnte, in Frankreich zweihundertMänner zusammen zu bringen, wie die Girondisten waren. „Nichtvier in ganz Frankreich!" rief mein gelehrter Freund mit eben so vielverzweifelnder Ueberzeugung, als Entrüstung aus. — Ein anderesMal war es ein angesehener, bedeutender Fabrikherr, der die sitt-lichen, gesellschaftlichen Zustände als die Ursache der öffentlichen an-klagte. „Das Uebel ist, rief er aus, wir haben keinen Glauben mehran irgend etwas; wir haben keinen Glauben mehr an uns selbst!