238
Frankreich, Oesterreich und der Krieg in Italien. (1859.)
hatte Frankreich sich eines regen politischen Lebens im Innern, parla-mentarischer Formen erfreut, und diese sogar bis zum Mißbrauch be-nutzt —: nach Außen hin, im europäischen Rath, war seine Stellungeine verhältnißmäßig unbedeutende geblieben, weil die Regierung ander Spitze des Reichs' sich schwach fühlte. Die Bourbons wußtensich durch die auswärtigen Mächte zurückgeführt und gehalten, undauch Ludwig Philipp suchte unter allen Bedingungen in gutemVernehmen mit den alten Dynastien, den conservativen StaatenEuropas zu bleiben, bebte zurück vor dem Gedanken eines ernstlichenZerwürfnisses mit ihnen, und gab nach, um es zu vermeiden. Diefranzösische Nation, der es an Selbstgefühl am allerwenigsten fehlt,ertrug die Stellung, die ihr so in Europa angewiesen war, mit ent-schiedenem Unwillen, wurde aber in unverzeihlicher Weise ungerecht,indem sie die Regierung allein dafür verantwortlich machte. Denndie Lage der Regierung wäre, selbst bei der untadeligsten Reinheitdes Willens von ihrer Seite, stets eine sehr schwierige, ja von Grundaus verdorbene gewesen, da sie mit durchaus unredlichen Gegnern zukämpfen hatte; mit Parteien, die, wie Lasayette und sein Anhang,die doppelte und zweideutige Rolle spielten, die gegebenen Zustände,die bestehende Verfassung zwar anzunehmen, aber nur, um sich ausihr eine Waffe für weitergehende Pläne zu bilden, und unter ihremSchutz in permanenter Verschwörung an ihrem Sturz zu arbeiten.In beiden Fällen hatte das unerfreuliche Treiben zu dem Sturz derDynastie geführt. Das Experiment war mißlungen.
Ein gerade entgegengesetztes System, das gerade umgekehrte Ver-fahren schien besser geeignet, den Thron der Napoleouiden zu befestigen.Ein absolutistischer Druck im Innern sollte mit eiserner Gewalt allegahrenden Elemente nicht nur, sondern auch alle strebenden nieder-halten; den Kräften, die sich zu regen, zur Geltung zu kommen ver-langten, sollte keine Aussicht bleiben, als sich dem Dienste desLandesherrn willenlos zu weihen —: und daneben sollte eine ein-flußreiche, glänzende, ja gebieterische Stellung nach Außen, wie mansie lange unwillig entbehrt hatte, der Nation als Ersatz gelten fürdie verlorene parlamentarische Freiheit und das rege politische Lebenim Innern. So blieb das Kaiserthum seinen Traditionen getreu.
Es läßt sich nicht läugnen, daß die Regierung mit einer ge-wissen Nothwendigkeit in diese Bahnen gewiesen war, von dem Augen-