Francis Bacon selbst war es, der am Abende seines thatenreichenLebens alle seine Werke in Einzelausgaben verschiedenen Formatesherausgab oder wenigstens zur Herausgabe vorbereitete. Theils warenes früher erschienene Schriften, bedeutend verbessert und vermehrt,theils waren es ganz neue Arbeiten. 1620—1627 erschienen sie inschneller Aufeinanderfolge, während der Autor selbst im Jahre 1626 fürimmer die Augen schloss.
Anders William Shakespeare. Er wollte oder konnte von seinenDichtungen keine Ausgabe letzter Hand besorgen. Um’s Jahr 1610hatte er sich von London nach seiner Vaterstadt Stratford zurückgezogenund war daselbst, fern von allem literarischen Leben, 1616 gestorbenund begraben worden.
Zu derselben Zeit aber, als Francis Bacon alles, was er geschrieben,in vollendeter Form dem Drucke übergab, erschien, sieben Jahre nachdem Tode des Stratforder Schauspielers, in London auch eine Gesammt-ausgabe der Dramen William Shakespeare’s. Ganz wie sämmtlicheSchriften Bacon's zeigt auch sie gegenüber den früher erschienenenEinzelausgaben viele Verbesserungen und zahlreiche Erweiterungen. EineAnzahl Stücke ist gänzlich umgearbeitet, und eine andere Anzahl vonStücken wird der Welt hier überhaupt zum ersten Male vor dieAugen geführt. Herausgeber waren, laut Widmung und Vorrede, die „Schauspieler Heminge und Condell, frühere Kollegen William Shake-speare’s.
Wer aber das „Neue Organon“ Francis Bacon’s (1620), die „Ency-klopädie“ Francis Bacon’s (1623) und die „Komödien, Historien undTragödien“ William Shakespeare's (1623) nebeneinander gelegt hätte,der hätte sie wohl dem Äussern nach für Geschwister halten können,denn alle drei waren im gleichen stattlichen Folio-Formate erschienen.
Fleissige Gelehrte haben seitdem emsig zusammengetragen, wasirgend noch der Feder Bacon’s und Shakespeare’s entstammt. DieShakespeare-Ausgaben sind zu einer Legion herangewachsen, und dieneueste Gasammtausgabe der Werke Francis Bacon’s, besorgt vonSpedding, Ellis und Heath (London, 1857—1872, 14 Bände mit8000 Seiten), bietet alles, was die Herausgeber als von Bacon ge-schrieben vermuthen.
Francis Bacon und William Shakespeare — ohne Zweifel sind siedie Gipfelpunkte der englischen Geisteskultur des 16. und 17. Jahr-hunderts. Beide sind ungefähr gleichalterig, Bacon 1561, Shakespeare1564 geboren, beide lebten jahrzehntelang in derselben Stadt London,der eine bezeichnet die höchste Höhe der Wissenschaft, der anderedie höchste Höhe der Dichtkunst seines Volkes — erscheint es unsda nicht fast wie ein Wunder, dass wir nichts von einem persönlichen