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in allen Schattirungen, vom Liebesglück Romeo's bis zu jenem namen-losen Unglück im König Lear, wo ein toller und hungriger Königobdachlos durch die stürmische Haide zieht, und der geblendeteGloster von seinem vcrstossenen und geächteten Sohne Edgar ge-leitet wird.
Soviel über die verschiedenen Naturanlagen oder Charaktere. Wirsehen in der Gesammtanschauung wie in allen Einzelheiten vollständigeÜbereinstimmung zwischen Bacon’s Wissenschaft und der Praxis derTragödien. Nicht einen der Winke, die Bacon der dramatischen Dicht-kunst ertheilt, ist im „Shakespeare“ unberücksichtigt.
Sehen wir nun zu, ob die Tragödien die Gemüthsbewegungen undLeidenschaften gleichfalls als Krankheiten betrachten, wie es Bacon inseiner Philosophie thut, und fassen wir, was sich in der Praxis nurschwer von diesem Theile trennen lässt, auch gleich die Heilmittelin s Auge.
In Coriolanus III, i beantragt der Volkstribun den Tod des ehr-geizigen Coriolan: „ffr’s a Disease that must be. cut aivay.“ (Er isteine Krankheit, die hinweggeschnitten werden muss.) Menenius Agrippaaber entgegnet:
Oh he's a Limbe that ha’s but a Disease,
Mortall, to cut it off: to eure if, easie.
Er ist ein Glied nur, das 'ne Krankheit hat;
Tödlich, es wegzuschneiden; es zu heilen, leicht.
„Timon“ I, 2. ,, 7 'liey say my Lords, Ira Juror brevis esf.“ (Mansagt, ihr Herrn, der Zorn ist eine kurze Tollheit.)
Macbeth IV, 3. „Let's mähe us Med’eines 0/ our great Reveuge,to eure fhis deadly greife.“ (Aus unserer grossen Rache wollen wirArzeneien machen, diesen tödtlichen Gram zu heilen.)
Graf Kent in „König Lear“ l, 1 reizt den Zorn des Königs aufsHöchste. Lear greift in Wuth nach dem Schwerte, Kent ruft. „Rillthy Physition.“ (Tödte deinen Arzt!)
In derselben Tragödie IV, 6: ,,!Vhy / do triße t/ius with Ins di.s-fiaire, fs done to eure it.“ (Warum ich so mit der Verzweiflung spiele,geschieht zu heilen sie.)
In „Othello“ II, 2 beschliesst Jago, den Mohren in eine so starkeüeidenschaft zu versetzen, dass der Verstand sie nicht heilen kann.
So sehen wir also auch in der Tragödie fort und fort die Leiden-schaften als Krankheiten betrachtet. Wir sehen, wie die Fieunde, alsgetreue Seelenärzte, Heilmittel suchen und finden. Wh sehen endlich,wie die Übel bisweilen unheilbar sind und in Wahnsinn ausarten.