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Erstes Buch. V. Das fränkische Reich unter den Merowingern.
Zeit dann die romanischen Völker entstanden. Unter den Franken trug znr Vollziehungdieser Verschmelzung namentlich viel ihr orthodoxer Katholizismus bei, welcher eheliche Ver-bindungen zwischen beiden „Rassen" gestattete, während die meisten übrigen Germanen alsArianer und sogar teilweise noch als Heiden den „Römern" sehr verhaßt waren.
In Gallien wohnten nach dessen Bereinigung unter den Franken im Nordosten fastnur deutsche, im Süden fast nur romanische, in den mittleren Landschaften gemischte Elemente.Beide Stämme behielten dort lange ihre besonderen Sitze, während in den meisten übrigen ReichenTeilungen des Grundbesitzes stattfanden. Die Sprache der Urkunden, der Kirche und derLitteratur blieb überall die lateinische, und so sehr sie sich auch fortwährend verschlechterteund allen Regeln der Grammatik und Orthographie Hohn sprach, so konnte sich doch die nochweniger gebildete germanische Zunge neben ihr nicht geltend machen. Die größere Zahl undhöhere Kultur der Romanen, welche die Germanen als „Barbaren" verachteten, bewahrtendem lateinischen Sprachelement die Oberhand in diesen Ländern; das Deutsche mußte sich in ihnenmit dem Import einer Anzahl von Wörtern, besonders Personen- und Ortsnamen, begnügen.
Das fränkische Reich, und wenn es geteilt war, jeder der drei Rcichsteile (Anstrasien,Neustrien und Burgund) zerfiel wieder in Provinzen, deren Zahl, Benennung und Grenzenschwankten. Deutschland gehörte stets zum Reichsteile Anstrasien (Ostland), und seine Provinzenoder „Länder" waren meist die alten „Völkerschaften"; sie hießen: Elsaß, Churrätien, Alamannien,Baiern, Kärnten, Thüringen, Hessen, Friesland, wozu unter Karl dem Großen noch Sachsen kam.Meist verwaltete ein Herzog (<1ux) die Provinz, die sich wieder in Gaue von sehr verschiedenerGröße teilte; in Deutschland waren dies oft noch die altgermanischcn und hießen auch: Go(niederdeutsch), Bar, . . seid u. s. w. Benannt waren sie nach Himmelsgegenden (z. B. Nvrdgau),nach Bergen, Wäldern, Flüssen und erhalten gebliebenen römischen Städten (deutsche gab es nochnicht). In Gallien hießen sie auch Grafschaften und hatten znm Mittelpunkt eine Stadt, nachwelcher der Graf benannt wurde. Bitt der Zeit verkleinerten sich die Gaue durch Zerteilnng,wahrscheinlich infolge Zunahme des urbaren Landes und der Bevölkerung. Viele Gaue zerfielenin „Hundertschaften" von ursprünglich hundert Höfen, aber nur von lokaler Bedeutung, unddiese wieder in Dörfer und Höfe, deren Angehörige „Nachbaren" hießen. In Deutschland unddem nordöstlichen Frankreich wurde von den Franken die römische Städtevcrfassung gänzlichaufgehoben; nur in dem ganz romanischen Teile von Gallien blieb sie unberührt. Die Städteselbst aber bestanden auch in ersterer Gegend fort und wurden auch von Germanen bewohnt.Im Rechte gab es keinen Unterschied zwischen Dorf und Stadt. So hatte sich der altgermanischeGau- und spätere Völkcrschaftsstaat znm Vvlksstaatc, zum fränkischen Reichsstaatc erweitert.An diesen neuen Staat gingen nun auch die Rechte und Pflichten der Sippe großenteilsüber. Er beschränkte das Erb- und das Fehdcrecht, erweiterte die Pflichten der Eidhilfe undder Mnntschaft auf größere Kreise als auf die der Sippe und verbot Ehen naher Verwandter,worin jedoch die Kirche noch viel weiter ging.
Die Art der Entwickelung des Frankenreiches war natürlich durch die Zustünde Gallienszur Zeit der fränkischen Eroberung bedingt. Die hier herrschende keltisch-römische Aristokratiemit ihrem unermeßlichen Grundbesitze war dabei vornehmlich bestimmend. „Mit diesemursprünglich reichsten Teile der Bevölkerung", sagt Wilhelm Sickel, dem wir hierin folgen,„wetteiferte jetzt die Kirche, eine Macht, die einem andern Kultnrkreisc angehörte und sichsowohl durch die Ziele, die sie verfolgte, wie durch ihr rechtliches Wesen von den UotsMs8(Mächtigen) unterschied." Die Bischöfe regierten beinahe unumschränkt in ihren Diözesen,gestützt auf den Reichtum, den ihnen die heidnischen Tempclgüter gebracht. „Ein Bischof vonTours hinterließ mehr als 20 000 Goldstücke, die sein Nachfolger unter die Armen verteilte, undnoch viel später gab es Abteien, deren Jahreseinnahme wohl eine Million Mark betrug." Auchbei den weltlichen Großen galt Reichtum als der größte Vorzug, --- Bedrückung der Armenaber Ivar die Regel. Hier, bei den Kelten, ist die Wurzel der dem römischen sowohl, wie demaltgermanischen Rechte fremden mittelalterlichen Anschauungen zu suchen, denen gemäß die armenFreien sich aus Not in den Schoß der Knechtschaft drängten und ihre Freiheit verkauften.
In diesem Lande nun wurden die im Vergleiche mit den gallischen Herren recht unbemittelten