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Erster Band.
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Erstes Buch. VI. Die Kultur in den Reichen der Merowinger.

seit der Niederlassung deutscher Stämme unter verhältnismäßig geordneten Staatszuständen; siewurden erst nach dem Aufkommen der Karolinger und dem Beginn der Selbständigkeit unsresLandes bedeutender, ohne daß indessen die Namenswahl der Orte wesentliche Bereicherungerfahren hätte, immerhin mit Ausnahme der erst nachher aufkommenden Städte und Burgen.

Während so Deutschland ganz im stillen heranwuchs und in der Welt kein Aufsehenverursachte, vollzog sich in der Ferne das doppelt tragische Geschick, daß seine Söhne dieNachkommen derjenigen knechteten, die einst versucht hatten, das Vaterland zu erdrücken, beidieser That der Rache aber eine schwere Vergeltung von feiten der Feinde durch eine schauer-liche Verderbnis ihrer Sitten erfuhren. Wohl waren die alten Deutschen rvh, wie alleVölker in ihrer Urzeit; das Menschenleben galt ihnen nicht viel; war es doch auch in ihren un-kultivierten Urwäldern und Ursümpfen eigentlich kein Leben zu nennen; aber unzüchtig warensie nie gewesen, und daß man zum Zwecke des Genusses rauben und morden und zwar aufraffinierte Art morden könne, davon hatten sie keinen Begriff gehabt, bis sie unter die entartetenRömer gerieten. Von diesen haben sie solches leider gelernt; denn die Greuel der Bolker-wanderungsreiche sind eine so getreue Kopie derjenigen der Römergeschichte, daß sie ihr Originalnicht verleugnen können. Das Beispiel war aber um so schlimmer, als die „Römer" durch dasChristentum nicht besser geworden und ihre Geistlichen nicht sittlicher geworden waren als dieLaien. Noch im fünften Jahrhundert war Unsittlichkeit im enger» Sinne den Germanen fremd.Doch dies wurde nur zu bald anders. Die Germanen suchten es ihren Vorgängern, denRömern, gleich zu thun und trieben Aufwand mit Gärten und Villen, Bädern und Theatern,Tänzerinnen und Gauklern. Ja, sie fanden sogar an der römischen Leidenschaft der Zirkus-spiele Geschmack; denn das Amphitheater hatte zwar die Gladiatoren dem Christentume zumOpfer gebracht, aber die blutigen Tierkämpfe beibehalten. Sowohl in Karthago unter denWandalen, wie in Rom unter den Ostgoten und in der Provence unter den Franken wurdenWagenrennen und Tierhetzcn (auch Stiergefechte) von den Königen unterstützt, welche für die„Grünen" oder „Blauen" Partei ergriffen.

Die Stellung der Frauen in den germanischen Reichen war eine geachtete; sie hatten inmehreren Gesetzbüchern dasselbe Wcrgeld wie die Männer, — in einigen freilich nur das halbe,— dafür hatten nach sächsischem Recht die Jungfrauen ein höheres als die Männer und Frauen.Trugen letztere dagegen Waffen, so verloren sie ihr Wergeld. Von Liebe zwischen Jünglingenund Mädchen finden wir in jenen Reichen nichts. Die Frauen dienten fast nur dem Zwecke,dem Gatten Nachkommenschaft, am liebsten Söhne, zu geben und standen unter unbeschränkterGewalt ihrer Väter oder Männer. Die zweite Heirat einer Witwe wurde ungern gesehen. Oftaber verlobte und verheiratete man sogar Kinder miteinander. Bnhlerei und Ehebruch warenungemeiu häufig; statt aber sich selbst anzuklagen, wozu doch viele von ihnen Ursache gehabthätten, schoben die Geistlichen alle Schuld auf die Frauen, und auf einer Synode zu Macon 585berieten die Bischöfe alles Ernstes über die Frage, ob die Weiber Menschen seien, was nach leb-hafter Verhandlung endlich bejaht wurde. Dabei muß man sich nun wohl fragen, ob zu solchenSchrullen nicht die Weiber damaliger Zeit selbst die Veranlassung boten. Eine Rosamnndafreilich, die ihren Gatten Albvin mit Beihilfe abscheulicher Bnhlschaft um das Leben brachte, warddazu auf die empörendste Weise von ihm gereizt, da er sie aus dem zum Becher verarbeitetenSchädel ihres Vaters trinken hieß. Eine Fredegnnde, deren Grcnelthaten wir weiter untenerwähnen, war nicht schlimmer als ihr Gatte Chilperich. War dagegen auch ihre TodfeindinBrunhilde hcrrschsüchtig, so kann ihr doch keine Ungerechtigkeit und Grausamkeit vorgeworfenwerden, und ihr tragisches Ende war so unverdient, wie entsetzlich. Geradezu ein herrlichesecht deutsches Frauenbild ist dagegen die bairische Herzvgstvchter Thendelinda, um welcheder Langobarde Authari (als Mitglied der Gesandtschaft verkleidet) so romantisch warb, unddie nach dessen frühem Tode seinen Nachfolger Agilulf auf eine so liebliche Weise zum Throneberief, indem sie ihm, der ihr bescheiden die Hand küßte, den süßeren Gattenkuß anbot.

Es darf hier auch auf die Wandlung in den Ausdrücken für Mann und Frau hin-gewiesen werden. Bis zum achten Jahrhundert allgemein und bis zum fünfzehnten vereinzeltbedienten sich die Deutschen der Wörter Karl und Quena oder Keim (davon das englische