Band 
Erster Band.
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Erstes Buch. IX. Die Trennung Deutschlands vom Frankenreiche.

und zu beförden, sollten einige in Frankreich zn Anfang des neunten Jahrhunderts zusammen-gestellte Sammlungen teils echter, teils falscher kirchlicher Verordnungen von Päpsten undKonzilien dienen, aus welchen überall der Gedanke einer bis dahin unbekannten völligen Unter-ordnung der Gemeinden unter die Erzbischöfe und Bischöfe und der letzteren unter den Papst,sowie die Lehre von einer vollständigen Unabhängigkeit der Geistlichkeit vom Staate und einerhöhern Stellung der Kirche über dem Staate hervorleuchtete. Der erste, welcher den Sinnund den Geist der „pseudoisidorischen Dekretalien" (des bedeutenderen jener Sammelwerke) zuverbreiten suchte, war der geniale Papst Nikolaus I. (858—867); ja, er berief sich aus-drücklich auf jene Fälschung als auf eine Autorität für seine hierarchischen Bestrebungen. Ererrang eine wenigstens über das ganze Abendland mächtig gebietende Stellung, und, wenn esihm auch nicht gelang, das Morgenland seinem Primate zu unterwerfen, so daß seit seiner Zeitbeide Welthälften in kirchlichen Dingen für immer ihre getrennten Wege gingen, - ja, wennauch in dem auf ihn folgenden Jahrhundert das Papsttum von seiner Höhe tief herabsank, sohaben dennoch ihm ähnliche Geister seine Bestrebungen später mit gleicher Kraft wiederaufgenommen und weitergeführt.

Indessen war es merkwürdig, daß NikolausI. von der erwähnten Fälschung den erstenGebrauch zu Gunsten strengerer Sittlichkeit machte. Dem Unfuge des Mätressenwesens, das sichvon den Merowingern auf die französischen Könige vererbt, Deutschland aber mit Ausnahmeweniger Fälle der Nachahmung fremder Unsitten verschont hatte, huldigte auch der überLothringen regierende Kaiser Lothar II., ein Sohn Lothars I. Er verstieß seine tugendhafteGattin Teutberga, um die Buhlerin Waldrada an ihre Stelle zu setzen; die Geistlich-keit seines Landes ließ sich herbei, ihm recht zu geben und die Königin auf falsche Anklagenhin zu verurteilen. Der Papst aber trat mit Berufung auf seine Oberherrlichkeit gegen diesenSieg des Lasters auf, dessen Beschützer sich nun in ihren fürstlichen Rechten gekränkt fühlten.Lothars Bruder, Kaiser Ludwig II., zog nach Rom, um den Papst einzuschüchtern, undsein Heer verübte argen Unfug daselbst. Allein die Energie des Papstes siegte ohne Waffen,wenn auch sein baldiger Tod und das Hinsterben auch des Kaisers die gerechte Erledigungdes Falles verhinderten. Der letztere läßt uns indessen einen tiefen Blick in die sittlichenZustände des neunten Jahrhunderts thun. Die meisten Monarchen und Adeligen lebten zügellosund viele, selbst sehr hohe Geistliche, oft nicht besser. Jenes Kaisers Vater, Lothar I., hattewährend des Krieges gegen seinen Vater dessen sämtliche Anhänger ermorden lassen; auch ließer eine Nonne, des später Hingerichteten Grafen Bernhard Schwester, in ein Weinfaß stecken,in die Saone werfen und endlich töten.

Die sozialen und politischen Zustände all dieser Reiche entwickelten sich unter denKarolingern seit Karl dem Großen formell nur wenig, materiell aber in sehr unerfreulicherWeise. Der große Sinn und Blick Karls fehlte seinen Nachkommen ebensosehr wie seinEifer für das allgemeine Wohl; die meisten derselben kehrten, wie soeben gezeigt, zu demdespotischen Treiben der Merowinger zurück und richteten damit ihre Reiche zu Grunde.

Die Grundlage des gesamten Lebens unter den Karolingern bildete noch immer derAckerbau. Außer den aus der römischen Zeit stammenden Städten waren neue noch nichtentstanden. Handarbeiten wurden nur von den Leibeigenen für ihre Herren verrichtet; Berufegab es daher noch nicht, sondern mir Stände.

In diesen aber hatten, wie bereits gezeigt ward, wesentliche Verschiebungen stattgefunden.Es gravitierte jetzt alles nach dem Königtnm; vorab der Adel, um welchen sich dann wieder dieHörigen nnd Eigenen scharten, während die Gemeinfreien an Zahl und Bedeutung stets ab-nahmen, vielfach sogar auch ihren Grundbesitz und damit das Recht verloren, als Eideshelfer,Schöffen und sogar als Zeugen aufzutreten, weil man sie nicht mehr für einen von ihnenangerichteten Schaden belangen konnte.

Der Staat organisierte sich ganz nach dem Muster der Höfe des Adels, daher auch seinehöchsten Kreise den Namen des Hofes erhielten. Die unfreien Dienstmannen der Adeligen, dieMnistri oder Ujuistorialss, wurden das Vorbild der Stellung selbst der höchsten Staatsdiener.Sie erhielten von ihren Herren freie Wohnung und Kost und oft auch ein Gut, Lengtieium