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Zweites Buch. I. Die Blütezeit der Klöster.
und Berchtold unterstützt, die ihn einst (freilich gereizt durch beleidigende Scherze von seinerSeite) hinterlistig gefangen nahinen, aber schließlich dem König, ihrem Schwager, unterlagen; derselbeließ sie, gegen sein gegebenes Wort, bei Adingen im Neckargau 917 hinrichten. Von Salomon,welcher 929 starb, besitzen wir eine wundervolle Gvldinitiale, die er noch als Bischof malte, umzu zeigen, was er einst im Kloster gelernt hatte, und eine sehr wertvolle Sammlung von Briefenund Urknndcnformeln. Unter ihm (998) sagte Bischof Adalbert von Augsburg, er habe inSt. Gallen einen toten Heiligen (Gallus) gesucht und statt dessen viele lebendige Heilige gefunden.Auch predigte Salomon öffentlich auf freiem Felde dem zusammenströmenden Volke. DieFreundschaft, welche ihm König Konrad widmete, erhielt einen anmutigen Ausdruck bei dessenBesuch im Kloster bald nach seiner Wahl 911, wo der König in bekannter Weise die Kloster-schüler mit ausgestreuten Apfeln und Gold auf die Probe der Enthaltsamkeit stellte und sichunter die auswärtigen Bruder aufnehmen ließ.
Dieser Besuch des ersten deutschen Königs in St. Gallen mag uns den Anlaß geben,der Verdienste dieses alamannischcn Gotteshauses um die deutsche Muttersprache zu ge-denken. Schon in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts begannen die Mönche mit Glossen,das heißt am Rand oder über den Zeilen lateinischer Schriften angebrachten deutschen Wörtern,die sich später zn Wörterverzeichnissen erweiterten. Das den Namen des heil. Gallus tragende,aber erst 769—789 entstandene Wörterbüchlein diente irischen Mönchen als Dolmetscher imVerkehre mit Deutschen. Es ist in folgenden Gruppen zusammengehöriger Gegenstände abgefaßt:menschliche Würden, z. B. bomo—man, rox—ennino, roxina—ouninxin, ckux—bsrixobo, Ver-wandtschaftsgrade, moralische und physische Eigenschaften des Menschen, Himmelskörper, Natur-erscheinungen (an deren Schluß: Umor—korbta!), Hansteile, z. B. äomns—bans, lsotns—xnäaolia,löLNis—pstti, ksne8tra—angatora (Angenthor), Stadtteile, Landschaftsmotive, endlich Tiere. Bondieser, eine tief gemütvolle Beobachtung verratenden Methode schritt man zu alphabetischenWörterbüchern weiter, die aber noch oft an mangelhafter Sprachkcnntnis litten, z. B. üuimmit t'amss verwechselten und mit ,,bnnxar" übersetzten. Auch wurde 892—894 die Benediktiner-regel etwas mangelhaft ins Deutsche übertragen. Vvn 799 stammen Übersetzungen des Vater-unser und des Glaubens, nicht ohne grobe Fehler. Jünger sind Interlinear - Versionen derPsalmen. Eine um 999 entstandene Real-Encyklopädie trägt fälschlich den Namen des Abt-bischofs Salomon.
Fruchtbarer zeigten sich diese Bestrebungen im zehnten Jahrhundert, in welchem Notker III.sie leitete (Notker II., genannt Pfefferkorn, war Dichter, Maler, Schönschreiben und Arzti.Notker, genannt Labeo oder Tcntonikns (der Deutsche), ein Neffe Ekkeharts 1. (vor 952—1922),bethätigte sich als Musiker, Dichter, Mathematiker, Astronom und Lehrer, namentlich aber als dergrößte Grammatiker seiner Zeit, deren Charakter im Übergänge von poetischen und lebenslustigenzu prosaischen und asketischen Richtungen besonders scharf hervortrat. Er zeigte seine Meister-schaft weniger in deutschen Büchern, als im Übersetzen und Auslegen lateinischer Werke, welche leiderzum Teil verloren gegangen sind. Unter den letzteren nennen wir: Catos Sittcnsprüche, VergilsHirtengedichte und des Terenz „Mädchen von Andros", unter den erhaltenen: des BoötiusTröstung der Philosophie, des Mareianus Capclla „Hochzeit der Philologie und des Merkur",mehrere logische Schriften des Aristoteles und die Psalmen. Seine Übersetzungen sind durchausfrei, folgen dem Originale keineswegs sklavisch und zeigen vollkommene Sicherheit in der Hand-habung der Sprache, wie auch in Erläuterungen und Zusätzen zn seinen Texten wissenschaftlicheKenntnisse, soweit sie damals möglich waren, wenngleich er selbst heidnischen Werken einechristliche und sogar klösterliche Färbung zu verleihen bestrebt war. Stets gibt er den Satzzuerst im Original, dann in der Übersetzung und fügt darauf einen oft sehr breiten Kommentarbei. Man ersieht daraus, daß diese Arbeiten Schul- und Lehrbücher für Deutsche waren.Leider fehlte es Notker noch an Mitarbeitern und Schülern, daher seine Bestrebungen mitseinem Leben wieder erloschen.
Wie die Klöster damals aber nicht nur Ehre, sondern auch Leid und Unheil zn erfahrenhatten, zeigt St. Gallens Beispiel im zehnten Jahrhundert in grellen Zügen. Während dieVerwalter der stets sich vermehrenden und zum Teil sehr entfernt liegenden Klvstergüter (die