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Zweites Buch. I. Die Blütezeit der Klöster.
fische oder auch nur korrektes Schriftstellerin eine ganz eigenartige Erscheinung der deutschenKulturgeschichte, ja eine so eigenartige, das; unlängst der Versuch gewagt wurde, sie alseine ein halbes Jahrtausend nach ihrer Zeit (wo sie allerdings erst wieder entdeckt wurde)lebende Fälscherin darzustellen, welcher Versuch freilich durchaus mißlungen und gründlichwiderlegt ist.
Hrotsuit, geb. 935, 7 nach 973, deren Herkunft völlig unbekannt ist, erhielt im KlosterGandersheim selbst eine gelehrte Bildung nach dem Geschmacke jener Zeit, welche die klassischenFormen des alten Römertums mit dem Inhalte des christlich-katholischen Glaubens zu ver-söhnen und damit der zugleich als heidnisch und barbarisch geltenden Volkssprache entgegen-zuarbeiten versuchte. Es unterrichteten sie erst die ältere Nonne Rikkardis und danach,obschon jünger als sie, ihre Äbtissin Gerberg, eine Nichte Ottos des Großen und Schwesterder Herzogin Hadwig, die wir aus St. Gallens Geschichte kennen, — nicht die erste Frauvom königlichen Geschlechte Sachsens, welche dort den Krnmmstab führte. Es scheint indiesem Hause nämlich dieselbe Begeisterung für alles damals mögliche Wissen geherrscht zuhaben wie in demjenigen Karls des Großen, nur daß die sächsischen Frauen mit ihrerBildung nicht die Frivolität der Töchter des ersten Kaisers, sondern strenge weiblicheWürde verbanden.
Hrvtsuits ferneres Leben ist gänzlich in Dunkel gehüllt; wir kennen nur ihre Schriften.Wahrscheinlich begann sie an denselben bald nach dem zurückgelegten zwanzigsten Jahre zuarbeiten. Die ersten derselben waren acht Legenden; eine zweite Gruppe bildeten ihre sechsgeistlichen Dramen, die ersten in Deutschland verfaßten; den Schluß machten zwei epischeGedichte. Die Reihe dieser Werke war vermutlich 973 geschlossen. Die Legenden und epischenGedichte sind in Hexametern, meist leoninischen, oft sogar allitterierenden, teilweise auch, gleich-wie die Widmungen dazu, in Distichen, die Dramen aber in einer bisweilen gereimten Prosa,ohne Szencnabteilung und Bemerkungen über Ort und Verlauf der Handlung geschrieben.Die meisten der Legenden sind nach den betreffenden Heiligengeschichtcn gearbeitet. In „Maria",nach dein apokryphischen Evangelium des Jakvbus, finden sich wunderliebliche Schilderungen,z. B. die, wie auf der Flucht nach Ägypten auf das Geheiß des göttlichen Kindes eine Palmesich neigt, den Flüchtlingen Früchte zu spenden und an ihrem Fuße ein Quell entspringt, dieDurstigen zu laben, und wie dann in einem heidnischen Tempel die ägyptischen Götter beider Ankunft des Heilandskindes herabstürzen und der Fürst wie das Volk vor diesem sichbeugen. Die Geschichte des heiligen Gangolf ist schon bedenklicher, indem sie die sehr derbeStrafe der ehebrecherischen Frau des Heiligen berichtet, welche, weil sie über den Tod und dieWunder am Grabe ihres Gatten spottete, kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß ihr eingewisser Ton entfuhr. Die Dichterin fand diesen Zug schon in ihren Quellen vor, stellte ihnaber auf noch komischere Weise dar. Es ist hier beizufügen, daß solche anstößig scheinende Stellender frommen Nonne, deren sonstige Dichtungen für die rührendste jungfräuliche Reinheitsprechen, nicht zum Vorwürfe gemacht werden dürfen. Jene Zeit war eben derber als die unsrigc;und namentlich auf dem religiösen Gebiete scheute man sich nicht, das Laster um so schwärzerzu schildern, je Heller man die Tugend erstrahlen lassen wollte. Gerade bei Hrotsuit handeltes sich stets, wo sie das Böse malt, um eine Bestrafung oder Bekehrung seiner Träger oderum die Verherrlichung seiner schuldlosen Opfer. Niemals läßt sie es triumphieren, beschönigtes oder zeichnet es in verlockender Weise. So schildert eine der Legenden, welche deshalbbesondern Wert hat, weil sie der Dichterin durch mündlichen Bericht aus dem maurischen Spanienzukam, daher auch mehr innere Wärme verrät, als irgend ein anderes ihrer Gedichte, denMärtyrertod des gefangenen jungen Christen Pelagius, durch welchen er den widernatürlichenGelüsten des Chalifen Abdcrrachman III. entging; eine Geschichte, welche Spanien, Portugalund die ^.eta Lanetorum dankbar von der deutschen Nonne annahmen. Drei Arbeiten der-selben, eine Legende, die der heiligen Agnes, und zwei Dramen, Abraham und Paphnntins,behandeln den Schutz bedrohter Jungfrauen und die Znrückführnng Gefallener. Agnes wird,weil sie die Liebe des Sohnes eines hohen römischen Beamten verschmäht, in ein Lupanargebracht, wo aber plötzlicher, üppiger Wuchs ihres Haupthaares und ein Engel sie schützen,