Band 
Erster Band.
Seite
156
JPEG-Download
 

156

Zweites Buch. I. Die Blütezeit der Klöster.

die Dichterin an der Hand des Bostins und anderer Weisen auf dem Gebiete der Philo-sophie (in Paphnutins) und sogar auf dem der Mathematik (in der Saplsntia.) bekundet,sehr zurück.

Auf ihre und die ihr folgende Zeit scheint Hrotsuit keinen merklichen Einfluß ausgeübtzu haben. Ihr Beispiel blieb lange Zeit ohne Nachahmung. Auch ihre geistliche Richtung,welche der Mystik nahe steht, hatte keine unmittelbare Nachfolge. Ganz andere Bestrebungenherrschten ja in ihrem Zeitalter, demjenigen des höchsten Glanzes des alten deutschen Reiches,unter den Königen und Kaisern sächsischen Stammes, welches wir im folgenden Abschnitte nachder weltlichen Seite hin zu betrachten haben werden, vor!

Auch im Leben der Klöster fehlten Schattenseiten nicht. Schon vor dem Eintritt«: dersoeben geschilderten litterarischen Blüte mancher Klöster war in vielen derselben die Zucht argverfallen, selbst in Fraucnklöstern. Vornehme Mönche hatten eigene Dienerschaft, lebten nachBelieben außerhalb des Klosters oder kauften ein solches, um darin Abt zu werden; die Mönchemißhandelten und vertrieben ihren Abt, oder Bischöfe bemächtigten sich der Abteien und maßten sichdie Abtwürde neben der ihrigen an. Noch schlimmer war es, wenn weltliche Herren sich solcheWürden beilegten oder die Klöster beraubten. Diese Mißbräuche hatten um das Jahr 906ihren Höhepunkt erreicht. Die Könige zu Anfang des zehnten Jahrhunderts thaten viel zurAbschaffung derselben; aber auch in der Kirche selbst erhob sich ein reges Streben znr Wieder-herstellung der Klosterzucht. Bischof Adalbero I. von Metz «nachte um 940 den Anfang damit,und von Metz aus verbreitete sich die Klosterrcfvrm über das Reich, indem namentlichKaiser Ottos I. Bruder, Erzbischof Bruno von Köln, sie sichtlich begünstigte. Sie begegneteindes vielem Widerstände; manche Klöster weigerten sich, sie anzunehmen; in anderen wurdendie Widerspenstigen gewaltsam ausgestoßcn. Wo sie aber Eingang fand, da wurde die Kloster-zucht oft auf das äußerste übertrieben und in eine so strenge Askese verwandelt, daß sie dieKraft und Gesundheit der Mönche untergrub. Als infolge dieser Extreme die Klvsterrcformscheiterte, gingen neue, wirksamere Maßregeln zu ihrer Herstellung am Ende des zehnten Jahr-hunderts auf der einen Seite von Kaiser Heinrich II., auf der «rudern von dem französischenKloster Cluny aus, — allerdings auch jetzt nicht ohne ernstlichen Widerspruch. Wie bereits(S. 152) bezüglich St. Gallens erwähnt ist, waren auch anderswo die Klöster in geistigerBeziehung kaum noch die Schatten dessen, was sie in der Zeit der Ottvncn gewesen waren.Der Mönch Lambert von Hersfeld nennt, obschon sein Kloster durch Anbau des Landes undeine gute Schule hervorragte, den Mönchsnamcn zu seiner Zeit (1063 und 1071) „sehr übelberüchtigt" und erzählt von seinen Mitbrüdern Geschichten, die als ihre größten Sorgen diemateriellen und weltlichen Bemühungen um Geld und Gut erscheinen lassen und es zeigen, daßin den Klöstern damals oft nichts weniger als Friede und Tugend herrschten, Aufruhr undParteiung gar nicht selten waren, Teufels-, Aber- und Wunderglauben von den Mönchen aufdas Volk übertragen wurde. Lambert hielt nicht viel von den Klvsterrefvrmen und erklärtedie alten Regeln für genügend, wenn man sie nur befolgen wollte. Dies geschah aber nurmangelhaft; denn das gesamte Klosterwesen hatte eben, lote alle menschlichen Einrichtungen,seine Blütezeit gehabt und war damals bereits im Verfalle begriffen. --

Es gab jedoch auch Männer, die an einer nachhaltigen Reform des Klvstcrlebcns nichtverzweifelten und in ihrer Art bedeutende Erfolge erzielten. Ein solcher Mann war Wilhelm,Abt von Hirsau (seit 1069), vorher Mönch in St. Emmeram, von Hellem Geiste erfüllt,Astronom, Mechaniker und Musiker, als Abt begeistert für die Reform der Kirche und besondersfür die des Klosterlebens. Sein Kloster machte er völlig unabhängig und stellte es unmittelbarunter Rom, das er andächtig besuchte. Hirsau wurde „das deutsche Cluny"; dort wurde zumerstenmale die Einrichtung der „dienenden Brüder" versucht. Leute verschiedenen Standes, vomFürsten bis zum Hörigen und Leibeigenen, legten durch die niedrigsten Dienste im Kloster ihrendemütigen und kirchlichen Sinn an den Tag, während die Mönche selbst nur noch der Erbau-ung lebten. Diese Einrichtung fand solchen Beifall, daß viele neue Kloster mit Laienkolonienangelegt werden mußten und sich somit nicht nur über ganz Schwaben verbreiteten, sondern infast allen deutschen Gauen Eingang fanden, überall sich am Kampfe auf feiten des Papsttums