vierter Abschnitt.
Das Kriegswesen und die Zeit der Kreuzzüge.
AHas Kriegswesen deS Mittelalters hatte ein doppeltes Antlitz; es erscheint nns, solangewir den Krieg überhaupt für nnvernieidlich halten, als ein rechtmäßiges, weil von denrechtlichen Organen des Staates ausgehendes; seiner Regellosigkeit halber aber auch als einunrechtmäßiges, der öffentlichen Ordnung nnd Sicherheit feindliches nnd gefährliches. In letztererGestalt wird dasselbe als „Fehdewesen" bezeichnet; als Negation des Rechtes schließt sichdieses zunächst an die Darstellung der Rechtspflege an.
Die beinahe fortwährenden Verletzungen des Friedens beginnen bereits unter Karl demTicken und haben am Ende des nennten Jahrhunderts den Höhepunkt ihres Schreckens erreicht.Heinrich I.und Otto I. schritten gegen dieses Unwesen kräftig ein, nnd es erfuhr deshalb währendihrer Herrschaft eine heilsame Unterbrechung, jedoch nur, um nach Ottos I. Tode von neuem wiederaufzuleben. Räuberbanden machten besonders unter den beiden späteren Ottonen die Rheingegendenunsicher, nnd selbst die Strenge Heinrichs II. konnte ein Überhandnehmen des Unfugs in Sachsennicht verhindern. Am schlimmsten aber war es, daß selbst von, Adel viele sich so weit vergaßen,die Ordnung, deren Säulen sie doch hätten sein sollen, zu stören oder zu vernichten. Im zweitenJahrzehnte des elften Jahrhunderts führten Graf Dietrich von Holland gegen die lothringischenGroßen und Herzog Gottfried von Lothringen gegen seine Grafen Gerhard und LambertFehden, in denen viele Tausende von Kriegern umkamen. Gin Zeitgenosse sagt (1015) über dieFolgen solcher Greuel: „Welche Zeiten! Man verflucht das Leben und fleht um nichts als den Tod.Die Städte sind entvölkert, die Dörfer nnd Hofe eingeäschert, die Wälder nnd Gärten verwüstet,die Weinberge ausgerodet. Krieg, Hungersnot, Pestilenz und Feuer raffen das Volk massenweisedahin. Viele- Edle sind verarmt nnd an den Bettelstab gebracht. Die Gotteshäuser stehenringsum verödet." Und nicht etwa nur weltliche Große, auch Bischöfe nnd Äbte, sogarÄbtissinnen unternahmen Fehden nnd Kriegszüge. So setzte z. B. Sophie, Äbtissin von Gandcrs-heim, die Schwester Ottos III., ein Heer gegen den Bischof Bernward von Hildesheim inBewegung, der mit dem Grzbischofe Willegis von Mainz (1002) um die Kirchenhoheit überdas Kloster der Hrotsnit eine lange Fehde führte. Fast anderthalb Jahrhundert später wider-setzte sich Judith von Bomenebnrg, die Äbtissin des Klosters Kemnade an der Weser, der vonKonrad III. verfügten Reform ihres Klosters durch den Abt von Korvei, überfiel mit ihrenTienstmannen 1147 diese Abtei und ließ den Propst derselben in die Weser werfen (Heine-mann, Geschichte von Brannschwcig). Ähnliches verübten auch weltliche Frauen. Die GräfinAdela in Niederlothringcn, eine Tochter des sächsischen Grafen Wichmann, häufte 1015 bis 1018Mord auf Mord nnd Fehde auf Fehde, bis sie mit ihrem ruchlosen Gatten Balderich,unbestraft, im Bettel verkam. In Reichenhall überfielen im Jahre 1o:i7 zwei Brüder mit einemgedungenen Hansen Volkes ihren Oheim, töteten ihn nnd verbrannten seine sechs Söhne mitderen Kindern nnd noch anderen Leuten, im ganzen gegen fünfzig Menschen, in einem Hause.