Krieg und Fehde. Gottesfrieden.
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Solche Zustände hatten eine heiße, die Zeit beherrschende Sehnsucht nach Friedenzur Folge, und diese Stimmung steht wieder in engem Zusammenhange mit der Thatsache,daß während der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts Einwirkungen von Frankreich herin Deutschland Platz zu greifen begannen. Um diese zu würdigen, ist nicht zu vergessen,daß in Frankreich wie in Italien die Reste der römischen Kultur niemals völlig untergegangensind, während sie in Deutschland, das ja nur zum kleinsten Teile römisch gewesen war, nurspärlich erhalten, sein konnten, und zwar nur im Westen und Süden. Einen ganz bedeutendenAnteil an dieser Erscheinung hatte die im Jahre 1043 vollzogene Vermählung Heinrichs III.mit Agnes von Poitou, der Tochter des Herzogs Wilhelm des „Großen" von Aquitanien,des damals bedeutendsten aller jener Vassallen, welche dem machtlosen König von Frankreichebenso hoch über den Kopf wuchsen, wie in Deutschland ihre Standesgenossen vom König-Kaiser überragt wurden. Es herrschte vom neunten bis zwölften Jahrhundert also geradedas umgekehrte Verhältnis zwischen beiden Ländern, wie im fünfzehnten bis achtzehnten Jahr-hundert: der damalige Zustand Frankreichs kann am besten, ähnlich demjenigen Polens inspäterer Zeit, als Adelsanarchie bezeichnet werden. Unumschränkt aber wütete im gesamtenAbendlande nun das Faustrecht und die Fehde zum Zwecke der Bereicherung. Wer etwasbesaß, war die Zielscheibe des Angriffs jener, die etwas gewinnen wollten, und so wurdensogar die Klöster aus Asylen der Frömmigkeit und Wissenschaft nur zu oft Stätten des Waffen-getümmels. Indessen hatten sie dabei wenigstens den Vorteil, daß bei der Strenggläu-bigkeit jener Tage ihre geistlichen Waffen mit den weltlichen an Wirksamkeit wetteifern konnten,daß das Volk aller Stünde auf Reliquien ebenso fest baute wie auf Wurfmaschinen undden Bannfluch ebenso fürchtete wie das Schwert und die Brandfackel.
Je nach dem Bildungsgrade, dem Temperament und der Lebensart der Leute nahmjedoch die vorwaltende Sehnsucht nach Frieden eine verschiedene Gestalt an: hier erblickte man denwahren Frieden in der stillen Übung der Religionspflichtcn, dort in der fröhlichen Kunst derDichtung und der Töne, anderswo wieder in der ernsten Beschäftigung mit den Wissenschaften.Alles aber stimmte darin überein, daß Maßregeln ergriffen werden müßten, um Friedensbrnchund Gewaltthaten zu verhindern. Synoden faßten Beschlüsse in diesem Sinne, und richtetensich dabei auch gegen die Simonie und, dem asketischen Zuge der Zeit gemäß, auch gegen diePriestcrehe. So große Verbreitung aber diesen Beschlüssen auch zu teil wurde, dauernde Nach-achtung fanden sie nicht; man sah sich daher genötigt, den allgemeinen Frieden (1041)in einen solchen für gewisse Zeiten zu verwandeln, welcher den Namen „Gottcsfriede"(Ni-suxa Del) erhielt. Derselbe ließ in Frankreich der Fehdesncht nur die Zeit von Montagfrüh bis Mittwoch Abend jeder Woche als Spielraum übrig. Die Männer von Clngnybewirkten die Annahme dieses Gesetzes auch im kaiserlichen Burgund. In Italien fandes keinen, in Deutschland nur im Westen einigen Anklang. Die Folge davon war, daßsich in Frankreich und Burgund ein gesitteteres Leben Bahn brach. Man nennt einen damalslebenden Ritter Geoffroy de Pruilly als Urheber gewisser Regeln des Kampfspieles, ausdenen die Turniere hervorgegangen sein sollen. Solche feinere Sitte, mit ihr aber auch, wiedies gewöhnlich geschieht, Überfeinernng und Verweichlichung, brachte nun die neue KöniginAgnes und ihre romanische Umgebung an den deutschen Hof, und Heinrich III. fandGefallen an diesen Einwirkungen, wenn mich noch nicht an allen; denn den wälschenGauklern und Spielleuten, welche seine Hochzeit zu „verherrlichen" suchten, verweigerte erjede Belohnung. Weit mehr Unterstützung als irgend welche weltliche Bemühungen fanden beiihm die geistlichen Bestrebungen von Clngny, und es war bezeichnend, daß er sofort nach seinerVermählung, wenn auch nicht den französischen Gottesfrieden, doch etwas Ähnliches, ja demursprünglichen Plane noch Ähnlicheres, nämlich einen allgemeinen Landfrieden in Deutschlandund Italien anbefahl. In dauernder und ausgedehnter Weise ist freilich keine dieser An-ordnungen befolgt worden, — selbst unter Kaiser Heinrich III. nicht; und schon unter seinemSohne Heinrich IV. herrschte wachsender Mißmut darüber, daß ihm die Ansrechthaltnngdes Reichsfriedens nicht gelang. Die blutigen Fehden nahmen bald wieder überhand undwagten sich sogar in die Nähe des Kaisers, bei dessen Anwesenheit in Regensburg Graf