Fünfter Abschnitt.
Wirtschaftsleben, stände und Mitten.
der Mitte des zehnten Jahrhunderts war die Volks zahl Deutschlands, über welche
wir indessen keine zuverlässigen Angaben besitzen*), aller Wahrscheinlichkeit nach nichtgrößer, ja eher noch geringer als in der Karolingerzeit. Dazu wirkten verschiedene Umständemit: die verheerenden Einsälle der Magyaren, die den deutschen Kriegerstand aufreibenden Zügeder Kaiser nach Italien, die inneren Fehden, der vermehrte Zudrang zu Klöstern, Ein-siedeleien und zu sonstiger Askese, verheerende Seuchen, die namentlich aus Italien eingeschlepptwurden und um das Jahr 1000 zahllose Opfer forderten. Um diese Zeit herrschten auchaußergewöhnliche Sommerhitzen und Winterkälten, Hungersnöte und Überschwemmungen brachenaus (letztere besonders um 1020). Zahllose Menschen verschmachteten, erfroren, verhungertenoder ertranken damals. Auch Viehseuchen beraubten wiederholt die Leute ihrer Unterhaltsgnellen.Da die Wohnungen und ihre Einrichtungen mangelhaft waren, forderten auch Einzelkrankheitenstets viele Opfer, und die Zahl der Krüppel, Lahmen, Blinden, Taubstummen, Irren undAussätzigen überstieg die unserer heutigen „Elenden" sehr weit. Die Stelle der Ärzte vertratendie Geistlichen, besonders die Mönche, deren Wille gut und Aufopferung groß, deren Kenntnisseaber nur gering waren. Reiche Leute reisten nach Italien, besonders an die Hochschule vonSalerno, um sich dort heilen zu lassen; auch kamen zuweilen italienische Ärzte, von Vornehmengerufen, nach Deutschland. Das Hanptmittel der geistlichen Mediziner war der Aderlaß; außerdemsuchten sie durch Kräuter und, weniger wissenschaftlich als frommglänbig, durch Reliquien, Weih-wasser, Talböle, Hostien, Segenssprnche u. s. w. zn helfen. Wer geheilt wurde, hängte ein wäch-sernes Bild des kranken Körperteiles in der Kapelle des wnnderthätigcn Heiligen auf. Die Geistes-kranken, besonders die Tobsüchtigen, nannte man „vom Teufel Besessene" und suchte sie durchExorcismus (Beschwörung des bösen Geistes) zu retten. —
Im Hinblick auf die genannten mannigfachen Ursachen eines Stillstehens oder einer Ver-minderung der Bevölkerungszahl ist es höchst merkwürdig, daß die Deutschen schon im folgenden,dem elften Jahrhundert, sich in die bis dahin slawischen Landschaften östlich derSaale zu ergießen begannen. Die bekannte große Fruchtbarkeit, Zähigkeit und Thatkraft desdeutschen Volksstammes muß jene ihn schwächenden Übel bald überwunden haben. Es ist(S. 188 u. 161) bereits erwähnt worden, das; dieses Vordringen des Deutschtums zugleich einsolches des Christentums und der Kultur bedeutete. Hart war der Kamps; oft wurden, wie verein-zelt bereits erwähnt, die Deutschen wieder zurückgedrängt; aber sie gaben nicht nach und haben seitdem zwölften Jahrhundert in jenen Gegenden die ersten Proben ihrer später in allen Erdteilen
*) Karl Lamprecht berechnet für das Moselgebiet (Regierungsbezirke Trier und Koblenz), welchesum das Jahr 800 450 000 Einwohner hatte, im neunten Jahrhundert eine Zunahme der Bevölkerung von1,1, im zehnten von 0,3, im elften, erste Halste, von 0,45, zweite Hälfte von 0,7, im zwölften von 0,5und 0,4, und 1201—1237 von 0,35 Prozent.