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Erster Band.
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222 Zweites Buch. VI. Die Kirche und die lateinische Litteratur.

In den letzten Jahren Ottos des Großen schon hatte ein asketischer Geist, einGeist der Weltcntfagung, sich von den höheren Kreisen der Laienschnft sowohl wie der Kircheüber die deutsche Nation auszubreiten begonnen. Er suchte alles Glück und Heil nur im ewigenLeben nach dem Tode, wie wir ihm bereits wiederholt begegnet sind, und gab sich deutlich kundin den zahlreichen Schenkungen an Kirchen und Kloster. Dieser weltfremde Geist überdauerte dieBlütezeit der Klöster und gab Anlaß zu den bedenklichsten Übertreibungen, indem z. B. Bischöfevielfach die Handlungen Christi nachzuahmen versuchten. Von dem nach der Weltherrschaftstrebenden Heinrich lll. sagt Giesebrecht: „Unter dem Frohlocken des Sieges, noch auf demSchlachtseldc sah man diesen König sich im Gebet vor Christus beugen; kehrte er mit demsiegestrunkenen Heere dann in die Heimat zurück, so war sein erstes Geschäft, Gott die Ehredes Sieges zu geben; — von Kirche zu Kirche, von Altar zu Altar zog er mit seinen Kriegernbarfuß und in härenen Kleidern. Eine asketisch-phantastische Richtung dnrchdrang sein ganzesWesen, wie man sie seit Otto III. (S. 103) an keinem Kaiser mehr gesehen hatte. Niemalslegte er die Abzeichen des Königtums an, ohne vorher einem Priester gebeichtet und die auf-erlegten Bußen geleistet zu haben. Die Geißelung begann damals als regelmäßige Bnß-übnng von strengeren Mönchen gefordert zu werden, und selbst diese ließ sich der stolze Königvon Pricsterhand gefallen." Auch sein Gegner Gottfried von Lothringen ließ sich öffentlichgeißeln und trug zur Buße Steine zu einem Kirchcnbaue herbei. Die Normannen, welche imKampf um Bencvent Papst Leo IX. geschlagen hatten, fielen vor dem Besiegten nieder, küßtenseine Füße und baten ihn um Vergebung ihrer Sünden. Diese Demut der Fürsten und Kriegermußte natürlich das Selbstbewußtsein der Priester nähren und nach dem Tode des starkenKaisers dessen schwachen Nachfolger auch auf dem Gebiete des Reiches zn den Füßen derGeistlichkeit niederwerfen. Viele der unbändigsten Räuber warfen zagend ihr Schwert fort,wenn die Kirche sie mit dem Banne bedrohte, und entsagten dem weltlichen Leben. Eintrittin die Kloster und Pilgerfahrten, selbst nach Palästina, gingen unablässig Hand in Hand mitdieser mystischen Richtung, durch welche auch die Krenzzügc, wenn schon nicht hervorgerufen,so doch in vielen Beziehungen genährt, aufrecht erhalten und beherrscht wurden.

Bitt diesen Anschauungen stimmte die Verehrung der R e l igni e n überein. Otto I. warglücklich im Besitz einer ihm vom Burgnnderkvnig Rudolf geschenkten Lanze (S. 304), in welcherein Nagel vom Kreuze Christi eingelassen sein sollte, und deren Verehrung den im Jahre 939bei Birten erfochtenen Sieg Ottos über feinen abgefallenen Bruder bewirkt haben mochte.Ehrenbezeugungen und Feierlichkeiten wurden den Reliquien von Heiligen erwiesen, kostbareSchreine zu ihrer Aufbewahrung verwendet, Schädel und Knochenreste in Gold und Silbergefaßt; Wnndcrthaten, besonders Krankenheilungen, wurden von den betreffenden Heiligenallseitig erwartet. Tiebstahl von Reliquien <S. >2l) galt noch als erlaubt. In große Auf-nahme kam der Marien dien st. Die schon erwähnte Hrotsnit feierte die jungfräuliche Gottes-mutter überschwänglich und stellte sie preisend der unreinen Eva gegenüber. Fromme Theologen,wie P a s ch asin s R adbertus und Ratr a m uns, ergingen sich tiefsinnig über die Art undWeise der Geburt Christi durch Maria in Worten, die heute keineswegs als keusch geltenwürden. Der Bischof Ulrich von Augsburg, Ottos I. Zeitgenosse, welcher nach seinem Todeinfolge eines der ersten förmliche» Kanvnisativnsprvzessc heilig gesprochen wurde, war besonderseifrig in Stiftungen znm Ruhme der seligen Jungfrau, von deren Glvrienkrvne stets auch einAbglanz auf die ebenfalls jungfräulichen Nonnen fiel.

Schon damals und noch lange nachher ging neben dieser begeisterten Marienvcrehrnngihr schreiendes Gcgenbild, der Tcnfelsg lande, dämonisch einher. Schrieb man nun aberdem Fürsten der Hölle Kriege und vieles Unglück zn, so behandelte man ihn nebenbei dochwieder mit Humor und sogar mit Spott und Hohn; man war ja sicher, durch die HilfeChristi und der Heiligen vollkommen gegen den Teufel geschützt zn sein. Von seinen Fahrtenauf der Erde und von seinen Begegnungen mit den Menschen wurden die wunderlichstenGeschichten erzählt. Der Chronist Thietmar, Bischof von Mersebnrg, ist an solchen Berichtenbesonders reich; bei ihm finden sich auch zahlreiche Erscheinungen von Toten, wie sie in denVolkssagen noch jetzt durch die Köpfe spuken, geschildert.