224 Zweites Buch. VI. Die Kirche und die lateinische Litteratur.
Tag breche an und sie sich vor Angst verkrochen. Ebenfalls eine Svnnenfinstcrnis war es,die im Jahre 989 den Tvd der Kaiserin Theophano verkünden sollte, und Thietmar vonMersebnrg erzählt in diesem Sinne, obschon er die Ursache der Erscheinung wohl kannte undseine Zeitgenossen ermähnte, nicht zu glauben, daß die Sonne behext oder verschlungen werde.Richer, ein gelehrter französischer Mönch und Schüler Gerberts, obwohl er die Ursache derBlondfinsternis ebenfalls kannte, teilte doch den Aberglauben vvn der Erscheinung kümpfenderHeere am Himmel und hielt beide Phänomene für Vorbedeutungen Vvn Seuchen und Fehden(927). Auch im Jahre 935 berichtet er von feurigen Heerscharen am Himmel und blutrotenFlammen in der Luft, welche eine ansteckende Krankheit und den Tvd Heinrichs I. verkündethätten, ferner von einem furchtbaren Sturm und von bösen Geistern, welche im Jahre 944eine Kirche auf dem Montmartre in Paris zerstört hätten, und daß darauf ein Einfall derNormannen in die Bretagne erfolgt sei. Widnkind weiß von einem wunderbaren Erscheinendes Kreuzeszeichens auf den Kleidern vieler Leute (958) zu erzählen. Blau erwartete bereits,namentlich um das Jahr 1999, die Ankunft des Antichrists und das Ende der Welt.
Auch der Propst Gerhöh im salzbnrgischen Kloster Reichersberg, erst Anhänger, dannGegner Kaiser Friedrichs I., klagte über den „verdorbenen Zustand der Kirche" und brachte(1162) die Lehre vom Antichrist und voin letzten Gericht in ein System, welches jedoch nachArt der Edda mit der Erwartung einer Wiedergeburt der Lichtwelt schloß. Ein Mönch vonTegernsee bearbeitete für seine Klvstcrbühne die Sage von jenem Mächtigen der Zukunft, vondem schon früher die österreichische Klausnerin Ava in den ersten deutschen Versen, die eineweibliche Hand niedergeschrieben, gesagt und gesungen hatte. Kometen schienen diesen Glaubenzu rechtfertigen. Männer und Frauen traten auf, die prophetische Gesichte (Visionen) hatten.Markus, ein irischer Mönch in Rcgcnsbnrg, schrieb die Vision seines Landsmannes Tnndal,eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies, welche der bairische Priester Albero um 1159in deutsche ILeime übersetzte. Die Äbtissin Hildegard auf dem Rnprechtsbcrge bei Bingcn,eine natnrgcschichtliche Schriftstellerin, hatte Offenbarungen und glaubte svgar mit ChristusVerkehren zu können; die Nonne Elisabeth in Schönau bei Oberwesel meinte Verkehr mitden Heiligen zu genießen.
Auch im dreizehnten Jahrhundert waren Ekstase« und Visionen epidemisch, besonders beiNonnen von den beiden neuen Orden der Dominikaner und der Franziskaner, vvn derdann ihre Gesichte schriftstellerisch bearbeiteten, so z. B. Mechtild von Magdebm .oelcheTante als „Matelda" gefeiert hat. Die heilige Elisabeth, Landgräfin vvn Tyüringen,quälte sich aus religiösem Eifer in ausgesuchtester Weise: freiwillig ließ sie sich schlagen und geißeln.
Indessen gab es doch viele Dinge, um derentwillen die Geistlichkeit in der That berechtigtwar, höhere Verdienste für sich in Anspruch zu nehmen als die Laien. Znm größten Teilewar sie es ja, die, wenn auch init Unterstützung der Krone, für Verbreitung der Kulturin Gegenden sorgte, welche derselben noch entbehrten. Durch die Stiftung des BistumsBambcrg ist das vorher öde und nur spärlich bewohnte Ostfranken wie auch ein Teil Böhmensdem Anbau und dem Deutschtum gewonnen, die Gründung Nürnbergs und anderer wichtigerOrte vorbereitet worden.
Auch die Mission des Christentums unter den Heiden des Nordens und Ostenswurde durch die Geistlichkeit gepflegt, und auch sie war damals eine Missivn höherer Kultur.Bruno von Querfurt, ein sächsischer Edeling, eiferte dem heiligen Adalbert vvn Prag nach,dessen Lebcnsschildcrnng voll schwärmerischen Lobes er verfaßte. Vom Papste Silvester II.(Gerbert) zum Erzbischof unter den Heiden ernannt, zog er durch Rußland zu den wildenPetschenegen, bekehrte sie, sandte Glanbensbvten nach Schweden, dessen König Olaf die. Taufemit Tausenden seines Volkes annahm; er starb im Jahre 1999 als Märtyrer unter den wil-den Preußen, wie einst auch Adalbert. Die Erzbischöfe vvn Hamburg und Bremen, derenArbeitsfeld sich mit Hilfe der christlichen Dünen bis tief nach Norwegen hinein erstreckte, svrgtenfortdauernd für die Bekehrung des Nordens. Erzbischof Adalb e rt (S. 1 63, 229) wirkte für denGlauben in den »seiner Diözese immer noch eingereihten drei nordischen Reichen ebensowvhl wieüber die Inseln des Nordens bis nach Island und Grönland hin, und belebte auch die infolge