Band 
Erster Band.
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Achter Abschnitt.

Die deutsche Litteraturblüte des ^llittelalters.

war demnach das ganze Leben der ritterlichen Kreise,abgesehen von seinen nnr allzn realistischen Aus-schreitungen, ein phantastisches; es strebte nachniemals zu erringenden Idealen, welche zwischendem hehrsten kirchlich-asketischen und dem niedrigstensensnalistischen Element, zwischen den Extremen derhöchsten Selbstverleugnung und des derbsten Genusses,hin und her schwankten. Die Dichtung des 12. und18. Jahrhunderts hat daher, wie auch schon die frühere,mit wenigen und unbedeutenden Ausnahmen niemalsihren Stoff aus dem wirklichen Leben oder der wahrenGeschichte genommen. Fast alle ihre Nahrung schöpftesie aus einen: Gemisch von Sage und mißverstandeneroder falsch aufgefaßter Wahrheit, in welchem sie jenenvöllig verschiedenartigen Idealen näher zu kommenhoffte. In Gedichten dieser Tendenz und dieses In-haltes, welche man damals abweichend von der heutigenBedeutung des Wortes „Romane" nannte, Iveil sieihren Stoff meist aus der romanischen Litteratur be-zogen, schwelgte die Zeit bis zum Übermaß. Diese „Romane" waren indessen schwierig zuerhalten, denn die Anzahl der Abschriften, in denen sie vorhanden waren, war nicht groß,weil wenig Leute außer den Geistlichen mit der Kunst des Schreibens vertraut, ja selbstdie Geistlichen in derselben seit geraumer Zeit wesentlich zurückgegangen waren und überdiesgegen so weltliche und sündhafte Erzählungen mit Recht eiferten. Dies nur so mehr, alsselbst entschieden fromme Ritterromane, wie z. B. unser unvergleichlicher Parzival, nebendem religiösen auch das sinnliche Leben feierten und in der Religion ganz offenbar ketzerischeAnwandlungen verrieten. Gerade die Schwierigkeit aber, Abschriften dieser Romane zu er-langen, reizte dazu, sie sich zu verschaffen. Das mußte der arme Heinrich von Beldekeeinst bitter erfahren, als ihm der Graf Heinrich von Schwarz bürg seine unvollendete„Eneide" entwendete und sie ihm erst nach neun Jahren zurückgab, was freilich znm Ruhmedes Dichters außerordentlich viel beitrug, ja ihn, den Niederdeutschen, geradezu „znm Vaterder höfischen Dichtung in Deutschland" machte.

Mit der Dichtung aber war seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts in Deutschlandeine mächtige Umwandlung vor sich gegangen. Der hundertjährige Prozeß des Berdrängensder lateinischen durch die deutsche Sprache in: Reiche der Blusen (S. 229 f.) nahte seinen:Ende, — langsam und allmählich nur, aber sicher. Bagierende Sänger und Musikanten oder

Initialbuchstabe in dem um :215 geschriebenenPsalter des Landgrafen Hermann von Thüringen.Stuttgart, kgl. Handbibliothek.