Band 
Erster Band.
Seite
344
JPEG-Download
 

Z44 Drittes Buch. tll. Volksleben in Stadt und Land.

Zugleich begann das Spinnen der Frauen; Mädchen und Burschen kamen in denSpinnstuben zusammen; man aß und trank wahrend des Spinnens, erzählte schaurige Geschichten,neckte einander, koste in mehr oder minder anständiger Weise und trieb mannigfache Spiele.

Die „Klöpflesnächte", in welchen man znm Scherze den Bekannten Steinchen an dieFenster warf oder bei ihnen anklopfte, leiteten den Dezember oder Wvlfsmonat, den Monatdes Julfestes ein, und Wuotan, der rastlos wandernde Gott, welcher in der „wilden Jagd" dieMenschen schreckte, wurde nun zum heiligen Bischof Nikolaus, der, begleitet von seinemschellenrasselnden Knecht Ruprecht, Butzemann oder Pclzebub (Volksetymologie von Bel-Zebub),den guten Kindern Früchte, Kuchen und Bilder, den bösen aber Rutenstreiche brachte. DasJulfest selbst wurde als Geburtstag der wieder wachsenden Sonne mit dem höchsten Feste derChristen, mit der Weihnacht, verbunden. Die altnordische Weltesche Aggdrasil, sowie derBaum, aus welchem der erste Mensch geschaffen worden, — eine Vorstellung, von welcher inden Ausdrücken „Stammbaum", „Stammvater", „Volksstamm", „baumstark" noch heute An-deutungen erhalten sind, — lebten in christlicher Zeit in dem sinnigen Sagenznge fort, daß in derChristnacht vielerlei Wunder geschehen, unter andern: auch Bäume und Pflanzen zu blühen beginnenund lichten Schein um sich verbreiten, ja sogar Früchte tragen, was die Überlieferung auch vonbestimmten Jahren und Orten zu erzählen weiß. Dieser schöne Gedanke hat den Christbaumgeboren; in Ermangelung eines blühenden Baumes begnügte man sich mit der immergrünen,aber festlich beleuchteten und mit Gaben behängten Tanne, die freilich erst in neuester Zeit einGemeingut des deutschen Volkes und seiner Söhne in allen Weltgegendcn geworden ist.

Der Minne trank, welcher das Zechen der alten Germanen zu festlichen Zeiten,namentlich zum Jahressegen veredelte und den Göttern zugebracht wurde, erhielt am Ende deschristlichen Jahres den Namen des St. Johannestrunkcs oder St. Johannessegens. Der Brauchbestand darin, daß der Hausvater die Hausgenossen zusammenrief und den Krug feierlichumgehen ließ, was jetzt nur noch vereinzelt vorkommt, namentlich in Gesellschaften zu Meers-bnrg und zu Konstanz. Auch die mannigfachen örtlichen Gebräuche am Sylvester-, Neujahrs-,Berchtolds- (früher Bcrchtas-) und Dreikönigstag können ihren heidnischen Ursprung nichtverleugnen; sie mahnen an die alten Volksmären von der umziehenden Vcgetations- undAnmutsgöttin Berchta (in Norddeutschland Frau Holle, die deutsche Freya) und von denFahrten Odins mit seinen zwei Brüdern Wili und We. An letztere erinnern die umziehenden,jetzt verchristlichten „drei Könige". An ihrem Feste ließ man in der Kirche Brot und Salz weihenund gab davon Menschen und Vieh, was gegen Krankheiten schützen sollte; auch schrieb man mitebenfalls geweihter Kreide die Buchstaben 6 4- Ll -b L (Kaspar, Melchior und Balthasar) an dieThüren, was Hexen und Seuchen abhielt. In der darauffolgenden Nacht trieb man allerleischerzhaften Unfug, schleppte Ackergeräte auf Berge, brachte Wagen in Stuben, hängte Melk-kübel auf Bäume n. s. w.

Am Lichtmeßtage (2. Februar) wurden in der Kirche die für den Gottesdienst bestimmtenKerzen und die aus den Häusern gebrachten Lichter geweiht; letztere wurden dann im Hauseaufbewahrt und bei Gewittern und Krankheiten angezündet. Am darauffolgenden Tage, dem desheiligen Blasius, wurden mit Kerzen die Hälse gegen Halsübel gefeit und die Pferde gesegnet.

In verschiedenen Gegenden erhielten sich noch andere altehrwürdige und sinnige Ge-bräuche bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Die verstellte Flucht der Braut und dasEinsangen derselben durch den Bräutigam erinnerte in -harmloser Weise an den Weiberraubder Urzeit. Ein Schleier oder eine sonstige Verhüllung, ein Kranz oder Gürtel der Brautdeuteten auf ihre jungfräuliche Reinheit, - - der Spinnrocken, den die Braut beim Heimzuge trug,kündete ihre Arbeitsamkeit an.

Solche Feste und Vergnügungen nun brachten heitere und schone Züge in das Leben derBanern, welches oft genug neben ungerechter Bedrückung durch Menschen noch die rauhen Un-bilden der Natur zu erdulden hatte. Die Chroniken jener Zeit verzeichnen in Masse, ja bei-nahe in jedem Jahre harte Winter, Trockenheit, Mißernten, Hungersnot, Biehsterbcn, Seuchen,Erdbeben, Hagelwetter und Überschwemmungen; als Vorboten dieser Übel wurden gern Kometensowie Sonnen- und Mondfinsternisse angesehen.