Drittes Blich. III. Volksleben ill Stadt und Land.
Auf die Qualität der Speisen hielt man weit weniger, als auf die Quantität. Es istgeradezu erstaunlich, wie viel gegessen wurde; wir hören von Massen des Verzehrten, dieheute unerhört wären, und diese Vielesserei dauerte während des ganzen Mittelalters und darüberhinaus (sogar in dem heute so nüchternen Italien) in wachsendem Grade bis znm dreißigjährigenKrieg, der endlich die Leute an eine schmalere Kost gewöhnte.
Ein Beispiel hierfür bietet der Speisezettel des Festmahles bei der Einweihung der Kirchein Weißenfels durch den Bischof von Zeitz im Jahre 1303. Am ersten Tage trug man auf:1. Eiersnppe mit Safran, Pfefferkörnern und Honig, Hirsegemüse, Schaffleisch mit Zwiebeln,gebratenes Huhn mit Zwetschen; 2. Stockfisch mit Öl und Rosinen, in Öl gebackene Bleiel Weißfische), gesottenen Aal mit Pfeffer, gerösteten Bückling mit Senf; 3. sauer gesottene Speise-fische, gebackene Barbe, kleine Vögel in Schmalz hart gebacken mit Rcttig, SchweinSkenle mitGurken. Am zweiten Tage: 1. Schweinefleisch, Eierkuchen mit Honig und Weinbeeren, gebratenen
Häring; 2. kleine Fische mitRosinen, aufgebratene Bleieund gebratene Gans mit rotenRüben; 3. gesalzene Hechte mitPetersilie, Salat mit Eiernund Gallert mit Mandeln.
Bestecke benutzte man beimEssen, obwohl sie vorhandenwaren, wenig oder gar nicht;namentlich gegen die Gabelnscheint man lange ein Vor-urteil gehabt und die Fingervorgezogen zu haben, daherdas Waschen vor und nachTische und wohl auch oftzwischen den Gängen sehr not-wendig war. Im höfischenLeben gab es eine MengeAnstandsregeln, die bei Tischezu beobachten waren, derenInhalt zeigt, daß Sitte undReinlichkeit bei Gastmählernoft viel zu wünschen übrigließen. Die Teller vertratenbei Bauern runde flacheBrote; bei Wohlhabenderen,Rittern und Bürgern, kleinereSchüsseln aus Zinn, derensich Eheleute, oft auch zweiGäste, zusammen bedienten.Rnr bei außerordentlichen festlichen Anlässen erschien Silber auf den Tafeln der Mächtigen;sehr selten waren goldene Geräte. Allein bei Salzgefäßen liebte man den Lupus edeln Metallsund kostbarer Verzierungen. Es erregte Aufsehen, als der Nürnberger Patrizier Antvnins Tücheranno 1517 um 25 Gulden 56 Pfund und 24 Pfennige hundert zinnerne Tellerlein kaufte.
Die Trinkgefäße hatten oft phantastische Formen, am Meere mit Vorliebe die von Schiffen;oft waren sie Kunstwerke aus edlem Metall, welche mit ihren gravierten und emaillierten Szenenaus Gedichten oder aus dem Ritterleben den Juwelieren des Mittelalters uud der werdendenNeuzeit noch lange zum Ruhme gereichten. Znr Abwechselung bediente man sich bisweilengläserner oder künstlich gedrechselter, mit Gold und Edelsteinen geschmückter hölzerner Becher.
Im nämlichen Verhältnisse, wie gegessen, wurde und zwar auch von Frauen, getrunken;
Bürgerliche Tischgesellschaft : Mitte des 15. Jahrhunderts.
Das weiße Tischtuch ist mit eingewebten Streifen verziert. Die Gäste speisen von rundenflachen Tellern von Holz, neben denen Messer liegen; einer bedient sich eines Lösfels mitkurzem Stiele. Die festen Speisen werden mit der Hand zum Munde geführt; Gabeln sindnicht im Gebrauch. Aus dem Tische stehen noch Trinkgläser und eine Schüssel mit Löwen-süßen, auch Brot sehen wir. Ein Diener bringt eine tiefe Schüssel in das Zimmer.
In einer Handschrist vom Jahre 1468 . Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum.
(Nach Essenwein.)