Anfänge des Humanismus. Johannes Hus.
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baute er fort in dem Streben, an Stelle der Scholastik, welche die Orthodoxie der Kirche mitSpitzfindigkeiten zu stützen vermeinte, in Wirklichkeit aber sie untergrub, selbständige und zugleichaufrichtige Religiosität zu setzen. Diese Mystik nämlich erhielt einen höheren wissenschaftlichenGehalt, als Eckhart und Tauler ihr hatten verleihen können, durch den Holländer Geert deGroote (Gerhard der Große, Osraräns Naxuns) aus Deventer (1340—1384). Diesermerkwürdige Mann, der in seiner Jugend von dem damals unter der Geistlichkeit eingerissenenSichgehenlassen angesteckt worden war, betrat auf den Rat eines Kartäusers, seines Freundes,plötzlich den Weg der Buße. Unter ungeheurem Volksznlaufe predigte er ein christliches Lebenund stiftete endlich, als Zweig der „Beghardcn," die Brüderschaft „vom guten Willen" oder„vom gemeinsamen Leben". Dieselbe verwarf die unnützen „Wissenschaften" der Astrologie,Alchemie, Chiro- und Nekromantie, verachtete Reichtümer und Prunk, bildete sich durch Lesender Bibel sowohl als der Klassiker, begünstigte gegenüber der gelehrten Zunge Roms die Mutter-sprache und rief die hohe Schule von Deventer ins Leben. Erst hatte der Bischof vonUtrecht dem Gerhard das Predigen verboten; später aber (1431) anerkannte Papst Eugen IV.die von demselben gestiftete Brüderschaft, die sich über ganz Deutschland verbreitete. Zu ihrenGliedern gehörte auch der fromme Thomas Hamerken von Kempen (1380—1472), durchwelchen, wenn auch vielleicht nicht von ihm, sondern aus älterer Zeit herrührend, ein inschlechtem Latein verfaßtes Buch bekannt wurde, das Wohl außer der Bibel das gelesenste derWelt geworden ist: die „Nachfolge Christi". In dem ganzen Büchlein, das am besten alseine „Anleitung für jedermann, sein eigener Priester zu sein" bezeichnet werden dürfte, istkein Wort von Kirche und Kult zu finden, und die wenigen Stellen, welche von der Geistlich-keit handeln, lauten nicht zu ihrem Lobe. Was dasselbe will, ist ein rein innerliches, religiösesLeben, mit Verzicht auf jeden, auch den harmlosesten Genuß; ein Kasteien, nicht durch körper-liche Mittel, sondern durch Erbauung; daher enthielt es die Gefahr, zu einseitiger Askese zuverleiten, — solange die Menschheit an dieser noch Geschmack fand. Die deutsche Gelehrsamkeitist von diesem extremen Zug nicht beeinflußt worden; aber sie hat durch die Brüder vomgemeinsamen Leben, denen die älteren Humanisten meist angehörten, jenen ernsten Charaktererhalten, den ihr Italien nicht überlieferte; und so hat die Brüderschaft, deren Häuser imsechzehnten Jahrhundert teils der Reformation, teils dem Jesuitenorden anheim fielen, trotzihrem kurzen Dasein tiefgehende Wirkung hinterlassen.
Doch nicht nur der Gegensatz zu der damals so sehr entarteten Geistlichkeit, der aus desThomas von Kempen frommem Buche so deutlich spricht, sondern auch ein Widerstand gegendie Lehren der Kirche selbst brach sich zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts Bahn. Alsder erste, der eine bessere Kenntnis des klassischen Altertums mit unabhängigen religiösenAnsichten verband und der Scholastik wie dem Papsttum entgegen trat, dabei vielfach ver-wandt mit den genannten frommen Brüdern, erscheint uns der Böhme Johannes Hus. Zwarein Tscheche nicht nur, sondern sogar Gegner der deutschen Bewohner seines Vaterlandes undMiturheber des von Wenzel begünstigten Übergangs der Universität Prag von den Deutschenan die Tschechen, ist Hus dennoch um so mehr ein Angehöriger des deutschen Geisteslebens,als seine Lehre durchaus auf der echt germanischen des Engländers John Wiclyffe beruhte;eine Lehre freilich, die unserm heutigen vorurteilsfreien Standpunkte nicht freisinniger erscheintals die römisch-päpstliche. Obschon nicht in Italien gebildet, gehörte Hus zu den ersten gründ-licheren Kennern der griechischen und hebräischen Zunge, der beiden Bibelsprachen.
Hus hat durch seinen Opfertod im Jahre 1415 zu Konstanz am großen Konzil, dasdem dreifachen Papsttum ein Ende machte, einen Namen erworben, welcher in der Weltgeschichteweder den Dogmatiker noch den Tschechen, sondern nur den Vorläufer der deutschen Kirchen-reform hervortreten läßt. Zwar schüchterte sein grausiges Ende die Gegner der römischenHierarchie und ihrer damaligen Verdorbenheit etwas ein; aber der Eifer, mit dem sie sich,an Stelle der Theologie, auf das Studium der Alten warfen, arbeitete nichtsdestoweniger demreligiösen Fortschritte, das heißt der zunehmenden Selbständigkeit im religiösen Denken, in dieHände. Die im deutschen Süden, am Oberrhein zu Konstanz und Basel gehaltenen Kirchen-versammlungen führten nicht wenige gelehrte Italiener über die Alpen; einer der frivolsten
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