Band 
Erster Band.
Seite
426
JPEG-Download
 

426

Drittes Buch. VII. Die Schulen und der Humanismus.

oft heimlich fortsetzten und endlich doch ihr Ziel erreichten. Plater, welcher als Seiler gearbeitet,wurde Rektor in Basel, und Butzbach, der Fleischer und dann Schneider, zuletzt Schüler desHegius gewesen, ein berühmter Theolog.

Es gab auch fahrende Schüler, welche diesen „Beruf" mit dem verspäteten eines fahrendenRitters verbanden; so der schlesische Edelmann Nikolaus von Popplau, der im Dienste KaiserFriedrichs III. alle Höfe Westeuropas besuchte, sowohl durch seine Körperstärke als durch seineKenntnis des Lateinischen Aufsehen erregte und auf einer Reise nach dem Morgenlande imJahre 1489 in Alexandrien starb. Den Typus des fahrenden Schülers hat die deutsche Sagezu einer ihrer Lieblingsgestaltcn, zu der des Doktor Faust geformt und mit der Summe derAusgeburten des damals herrschenden Aberglaubens, dieses ungeratenen Stiefbruders der Volks-poesie, umgeben. Dazu trug namentlich bei, daß die „fahrenden Schüler" sehr oft Charla-tanerie aller Art trieben, sich für Magier ausgaben, dem leichtgläubigen Volke Wundermürchenerzählten, wie z. B. sie wären im „Venusberge" gewesen und dergleichen, um sich dadurch deneinen oder anderen Genuß oder Vorteil zu verschaffen.

„Doktor Johann Faust" oder „ Georgius Sabellicus Faustus" wird von einer ganzenReihe von Zeitgenossen ein zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts lebender Abenteurer ge-nannt, der von allen vernünftigen Leuten als Betrüger erachtet, vom ungebildeten Volkeaber als „Schwarzkünstler" gefürchtet und von der Sage dem Teufel überantwortet wurde,dem er sich, nach Art der angeblichen Hexen, verkauft haben sollte. In bekannter Weise habenVolksbücher und Dichterwerke diesen Stoff vielfach verarbeitet und der größte deutsche Dichterhat danach das erhabenste deutsche Werk geschaffen. Aber Faust war nicht der einzige inseiner Art; er hatte Brüder im Geiste, und zwar sogar unter den Humanisten, zu welchendie Sage auch ihn selbst zählt', indem sie ihn über Homer lesen und nach den verlorenenKomödien des Plautus und Terentius forschen läßt.

Ein solcher zweiter Faust war der Humanist Johannes Trithemins (1462—1516),Abt von Sponheim, später des Schottenklosters zu Würzbnrg. Derselbe spricht in seinenSchriften verächtlich von Faust, weil er — sich selbst für den größeren Zauberer hielt undauch von vielen dafür gehalten wurde. Er soll, nach den Aussagen von Zeitgenossen, Ereignissevorhergesagt, Speise und Trank herbeigezaubcrt, Geister haben erscheinen lassen. Er selbstbehauptete, die von ihm verfaßte Geheimlehre (Steganographie) durch eine Offenbarung empfangenzu haben. Dabei war er ein feuriger Lobredner des Papsttums wie des Klvstcrwcseus und einfanatischer Judenfeind; in seinen historischen Werken fälschte er die Geschichte zu gunsten diesesStandpunktes, indem er Geschichtschreiber erfand, die niemals gelebt haben. Und das alles,obschon er von großer Gelehrsamkeit und voll von Sympathie für den Humanismus war!Er verlockte auch seinen Freund, den Kölner Heinrich Agrippa von Netteshcim, sich demSchwindel der „geheimen Wissenschaften" zu ergeben. Dieser aber, ein Jünger sämtlicherFakultäten und obschon gut katholisch, auf den Index gesetzt, riß sich bald wieder los; dochging er dabei mit der Erklärung, alle Wissenschaft, offene wie verborgene, sei eitel, die er inseinem Werke „äs vanitats soisntiarum" abgab, zu weit.

Wie in ihm, so lebten zwei Seelen, die der Wahrheit und die des Wahns, auch ineinem anderen fahrenden Schüler, in dem bekannten Arzt Theophrastus Bombastus Paracelsns(1493—1541, der Name ist die Übersetzung von Hohenheim, einem bei Stuttgart gelegenenBesitztum seiner Familie, der Bombaste). Stets auf der Wanderung begriffen, huldigte er allemmagischen Aberglauben; dennoch wurde er der eigentliche Schöpfer der medizinischen Forschung,indem er auf den verachteten Hippokrates hinwies, wodurch er sich die am Alten hängendenHeilkünstler zu bitteren Feinden machte.

So verbindet denn der gemeinsame Zug unsteten Wanderns und mysteriösen Treibensdie rohen „fahrenden Schüler", welche nichts gelernt hatten, mit Männern, die ebenfalls keineRuhe hatten, nach damaligen Begriffen aber hochgelehrt waren und deren Kenntnisse weit überdie oben erwähnten gewöhnlichen Lateinschulen an das Wissensgebiet der Universitätenhinan reichten. Man sollte nun glauben, diese höchsten der Lehranstalten, deren Einführungin Deutschland nicht lange Zeit vor den Beginn der humanistischen Bewegung fällt, hätten ein