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Erster Band.
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441
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Die Muttersprache im schriftlichen Gebrauch. Briefe. 44 1

Die erste und Nächstliegende Form, in welcher der schriftliche Gebrauch des Deutschenallgemein wurde, war die des Briefes. Der Briefverkehr in deutscher Sprache begann inder Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, und schon am Ende desselben hatte er über dasLateinische den Sieg davon getragen. Die Bildung hatte sich durch die Entwickelung desVerkehrs weiter ausgebreitet, und aus den Städten ging als neuer Faktor im Volksleben derMittelstand hervor, den es im früheren Mittelalter nicht gegeben hatte. Die ersten deutschenBriefe waren von den Urkunden, welche immer häufiger wurden, nicht scharf unterschieden;viele konnten zugleich als Urkunden gelten und umgekehrt. Daher bewegten sich die Briefeauch sehr lange in steifen geschäftlichen Formen; und wie die deutschen Urkunden aus denlateinischen, so entwickelten sich auch die deutschen Briefe aus denen in der Gelehrtensprache.Kommen ja die Wörter „schreiben" (soribero) und „Brief" (brsvis, kurz) aus der SpracheRoms. Langsamer als im privaten siegte die deutsche Zunge im öffentlichen (amtlichen) Brief-verkehr; im Süden langsamer als im Norden des Landes; und selbst als sie die fremde Spracheüberwunden hatte, blieben lateinische Formeln und Floskeln noch lange, namentlich im Anfangund Schlüsse, sowie in den Adressen und Daten an den Briefen hängen. Früher wurdensie nur auf Pergament geschrieben, später auf das billigere Papier. Man benutzte nichtBogen, sondern Blätter, die nur auf einer Seite beschrieben und, wie noch in unserm Jahr-hundert vor Einführung der Briefumschläge, in .ein Rechteck zusammengefaltet wurden, dieunbeschriebene Seite nach außen, welche vorne mit der Adresse und hinten mit dem Siegel,das man gerne mit einem Faden befestigte, versehen wurde. Nachschriften wurden meist aufkleinen Zetteln angebracht, die man in den Brief einlegte.

Ein Gruß leitete den Brief ein; von Geistlichen und Frommen wurde er mit religiösenSprüchen, von Untergeordneten mit Dienstanerbieten, von Höheren mit Gunst- oder Gnaden-bezeigung, von Verliebten und Verwandten mit Liebes- und Frenndschaftsversichernngen an-gefangen. Auf den Gruß folgte die Anrede, die freundlich unter Befreundeten, unter Feinden,selbst Fürsten, oft sehr grob und beleidigend lautete; „Lieben getreuen," „lieber Freund,"„gnädige Frau" waren beliebte Anreden. An die Stelle des lateinischen in trat in deutschenBriefen stets das „Ihr", ausgenommen gegen Tieferstehende, Feinde und Juden, die mandutzte. Höherstehende wurden mit „Euer Gnaden, Weisheit, Herrlichkeit" u. s. w. angeredet.Den Schluß pflegte eine Empfehlung in Gottes Schutz, oft mit Wiederholung der Eingangs-versicherung zu bilden. Nicht selten setzte man überflüssiger Weise hinzu, man wisse nichtsweiter zu schreiben. Der Unterschrift wurde häufig das Wörtchen „von" vorgestellt, z. B.„von mir, Konrad Hofer", oder „von uns, deni Rate zu Augsburg", gegenüber Hochstehendenaber mit dem Beisätze „Euer unterthäniger oder getreuer, williger rc. Diener". Das Datumsetzte man links neben die Unterschrift.

Der Stil der Briefe war schwerfällig und oft weitschweifig, wobei jedoch häufig tief gemüt-volle Züge hervorleuchteten; die Satzbildung war mangelhaft, Flickwörter wie „und", „jetzund,"„weiter," „itom" waren sehr gebräuchlich, ebenso unnötige Wiederholungen und Tautologien,wie z. B. „Schaden gethan und zugefügt". Große Fortschritte machte der Briefstil im fünf-zehnten Jahrhundert; er befreite sich von unschönen Formen, wurde ungezwungener, herzlicher,geistvoller, oft humoristisch angehaucht, und es ist merkwürdig, daß die lateinische Epistolographieder Humanisten dem deutschen Briefe keinen Abbruch zu thun vermochte.

Ein Brief mit Nachrichten über wichtige Ereignisse war oft an mehrere Empfänger gerichtetund wurde dann von dem einen zum andern weitergegeben. Von besonderer Wichtigkeit wurdeder Briefverkehr für den Handel. Briefsteller, deutsche und lateinische, kamen schon damals auf.

Die hauptsächlichste Nahrung des wieder auflebenden deutschen Schrifttums war dieVolksdichtung. Sie hatte, während die Kunstdichtung verkam, Zeit gewonnen, als verborgeneWunderblume aufzublühen und ihre bescheidenen, aber desto anziehenderen Reize zu entfalten,die, einem mächtigen dreiästigen Stamme vergleichbar, in Volksliedern, Volksbüchern und Volks-spielen hervorsproßten.

Es ist uns leider nur ein kleiner Teil der älteren Volkslieder erhalten geblieben;das wenige Vorhandene läßt aber auf den Reichtum und die Mannigfaltigkeit des Ganzen