445
Die Meistersinger. Volksbücher und Volksspiele.
lichen Stoff der Schriftstellerei jener Zeit des fünfzehnten Jahrhunderts, die antiklerikaleSatire, durch den Tiermnnd noch nngescheuter und kecker verarbeitete.
Weit fruchtbarer wurde aber die Gruppe der prosaischen Volksbücher, der Romanejener Zeit, die teils aus älteren in Versen abgefaßten Werken in Prosa übertragen, teils ausromanischen Quellen ins Deutsche übersetzt wurden, manche von bekannten, mitunter fürstlichen,Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Auf diesem Wege erschienen Stoffe frühmittelalterlicherEpen in neuem Gewände, so Herzog Ernst, so der zu den „Haimonskindern" zusammen-geschrumpfte Sagenkreis Karls des Großen. Aus der europäischen Ferne wurden Fortunatund seine Söhne, das Meerweib Melusina, die geduldige Griseldis, die geprüfte Genoveva,der sogenannte Kaiser Octavian (ein Papst deszehnten Jahrhunderts) eingeführt, und aus Asienher die indisch-persische Sage von den „siebenweisen Meistern". Aber auch an deutschen Ori-ginalen fehlte es nicht. „Till Eulenspiegel" drücktbei aller Roheit doch den Gedanken der Erhebungdes Bauernstandes über dessen damalige Knecht-schaft aus und geißelt die Lächerlichkeit, alleswörtlich zu nehmen. Dagegen waltet in demFaustbuche (S. 426) eine erhabene moralischeTendenz, die zur spekulativen zu erhöhen einerspäteren Zeit vorbehalten blieb. Die engherzigenVerhältnisse der kleineren Reichsstädte wurden inden „Schildbürgern", der Wunderglaube in demdie Lügenmärchen zusammenfassenden „Finkenritter"verspottet, und zuletzt lieferte neuerer Weltschmerz-poesie der „Einige Jude" einen willkommenen Stoff.
An Sammlungen kleinerer Geschichten, „Schwänke",war kein Mangel; neben ursprünglich deutschen, er-schienen auch .aus fremden Sprachen, namentlichaus dem Italienischen, übersetzte Erzählungen.
Niklas von Wile aus Bremgarten im Aargau,seit 1469 Kanzler von Würtemberg (st um 1478),und Heinrich Stein höwel aus dem schwä-bischen Weilerstadt, Stadtarzt in Ulm (st um1482) zeichneten sich in dieser Litteratur beson-ders aus.
Aus deutschem Wesen entsprungene Volks-spiele gab es vor der Reformation nicht. DemStoffe nach entwickelte sich ihre älteste Form,die der sogenannten Mysterien, aus demGottesdienste und beschränkte sich auf Bibel undLegende. Im gesamten Abendlande zeigte sie denselben Charakter. An den hohen kirchlichenFesten wurden die den Mysterien zu Grunde liegenden heiligen Geschichten in der Kirche vonGeistlichen aufgeführt; nach und nach, als der Raum im Gotteshause nicht mehr genügte,traten diese Aufführungen als Weihnachts-, Passions- und Osterspiele ins Freie hinaus. Langsamöffnete sich dann die Mitwirkung an diesen Spielen auch den Weltlichen. Die Stadt oderfromme Brüderschaften übernahmen die Aufführungen; auch bildeten sich Vereine von Gelehrten,Studenten, Kaufleuten und Handwerkern zum Zwecke der Teilnahme. Nicht allgemein war dieSprache dieser Spiele deutsch, endlich aber trat immer mehr die Muttersprache an Stelle derKirchensprache. Die Oberammerganer Passionsspiele zeigen, mit Ausnahme ihrer der neuerenZeit ungehörigen Überarbeitung und scenischen Ausstattung, wie weit sich die kirchlichen Volks-spiele vor der Reformation entwickelt hatten. Was jedoch, nach den Anschauungen des klassischen
Wye lerr berczog
BecAunadie jungen Arre rvolfsi,dictbcrrcy vnnd die anderen feineZwen brüder.fecbte.sAefsen-sprurgenringen.wcrffen. vnndaWr ge
scbrckbrcheyrznrempffeir.vnndz»
)?re>cen in yegkkiober gcwöre«
Knaben beim Wurfspiel.
Faksimile eines Holzschnittes aus dem „Heldenbuch",gedruckt zu Straßburg-Hagenau im Jahre 15V9.