Passionsspiele. Fastnachtspisle. Kunstdichtung. 447
senkungen und Flugmaschinen. Das Kostüm war den Mitwirkenden freigestellt und daher oftphantastisch. Die Zuschauer nahmen auf Gerüsten und an den Fenstern der am Markte liegendenHäuser Platz. Damit wurde der Berweltlichung der Bühne vorgearbeitet; aber auch die Spieleselbst trugen durch gewisse Charaktere und Scenen dazu bei: so durch die Art der Darstellungder Juden, welche namentlich in den Osterspielen lächerlich gemacht wurden, und durch diekomischen Figuren der Teufel, verbunden mit plumpen Witzen und sogar Unflätereien. Aufdiesem Wege fand die Komik in das bis zum vierzehnten Jahrhundert ausschließlich ernsteSchauspiel Eingang und vermengte sich mit dem Ernste desselben in sonderbarer Weise.
Wie die Fastnacht sich von den kirchlichen Festen ablöste und zu einem nichts wenigerals geistlichen, meist rohen Volksvergnügen mit Possenhaften Vermummnngen und argen Aus-schweifungen wurde, so gestalteten sich auch die Fastnachtspiele gegenüber den eigentlichgeistlichen Stücken. Ihre Stoffe erinnerten bisweilen wenig oder gar nicht mehr an diekirchliche Herkunft dieser Vorstellungen, gelegentlich brachten sie sogar kirchliche Würden in wenigrespektvoller Weise zur Erscheinung. So wurde z. B. im Jahre 1480 von einem GeistlichenTheodor Schernberk ein geistliches Spiel „von Frau Jutten" geschrieben und wahrscheinlich auchaufgeführt; der Inhalt war nichts anderes als die bekannte Fabel von der sogenannten PäpstinJohanna, welche heute nicht einmal vom ärgsten Feinde Roms mehr geglaubt wird, damalsaber, wie es scheint, selbst in kirchlichen Kreisen für wahr gehalten wurde; übrigens läßtdieses Stück „die Keime zu einem wirklichen Drama mehr als irgend eines erkennen," auchbehandelte es jene Sage durchaus ernst. Eins der besseren Fastnachtstücke ist das in derzweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts einer italienischen Novelle entnommene „vomKaiser und Abt", dessen Inhalt aus Bürgers Ballade bekannt ist. Äußerst roh und derbdagegen sind die Nürnberger Fastnachispiele der Meistersinger Rosenplüt und Foltz (S. 444),welche aber auch die damals viel gefürchteten Türken als Geißler einheimischer Unsitten auf-treten ließen. Würdiger steht der Bamberger Domherr Albrecht von Eybe (1420—75) mitseinen deutschen Bearbeitungen von zwei Lustspielen des Plautus da.
Nur wenige Namen von Gewicht und dauerndem Wert hat die deutsche Kunst-dichtung vor der Reformation auszuweisen. Das komische Heldengedicht ist vertreten indes Schweizers Heinrich Wittenweiler „Ring", der Erzählung eines Krieges zwischenzwei Dörfern, für welche Dietrich, Hildebrand und andere reckenhafte Sagengestalten kämpfen —ein Werk, das an Unflätereien sein Vorbild „Metzen Hochzeit" (S. 338) noch weit übertrifft.Der Gegenpol dieser überderben Komik hat keinen Geringern als den „letzten Ritter" zumUrheber. Der historische Eifer, der den Kaiser beseelte, begleitete ihn auch auf das Gebietder Phantasie. In dem ernsten Heldengedichte „Teuerdank", welches in Nürnberg im Jahredes Auftretens Luthers erschien und durch des Kaisers Geheimschreiber Melchior Pfinzing aus-gearbeitet war, schilderte Maximilian in allegorischer Form sein eigenes Leben, namentlichaber seine erste Heirat mit Maria von Burgund: alles unter dichterischen Namen, in ein-förmiger, langweiliger Weise, die nur durch die Person des Helden und Verfassers gehobenwerden kann. So verhält es sich auch mit dem andern Werke Maximilians, mit dem Prosa-roman „Weißkunig", in dem nach den eigenen Angaben des Kaisers seine Erziehung undseine Thaten durch den Sekretär Marx Treitzsauerwein geschildert werden. Der „Weißkunig"blieb unvollendet und wurde sogar erst im Jahre 1775 gedruckt.
Trotz aller Schwächen haben beide Werke eine große Popularität und allgemeinereBedeutung erlangt; sie verdanken dieselbe ausschließlich ihrem von Hans Schäuffelin und HansBurgkmair ausgeführten Bilderschmnck (Abbildungen S. 323, 366, 393, 438, 448 und in dennächsten Abschnitten). Vortrefflich kennzeichnet der letzte Herausgeber des „Weißkunig" dieHolzschnitte desselben mit den folgenden, zugleich für den „Tenerdank" geltenden Worten:„Alle Bilder, auch die geringsten, bieten uns mehr wie irgend ein Jllnstrationswerk der. Zeiteinen Einblick in das Leben und Treiben jener interessanten Periode. Wir werden an denHof geführt und sehen die Schlachten vor uns, die unser Held geschlagen, wir lernen dieBestürmungen der Städte kennen, sehen den Festen zu, beobachten den fürstlichen Knaben beiseiner Erziehung, seinen Spielen nnd werden endlich noch in die Werkstätten der Künstler und