Sebastian Brant. Heyirli». Wimpheling. Thomas Murner. 449
des fünfzehnten Jahrhunderts Professor war, aber als Mönch endete. Ihm, dem feurigenVerehrer Marias, war es Wohl zu verdanken, daß mehrere Humanisten, teils aus Überzeugung,wie Wimpheling und Sebastian Brant, teils bloß zum Zwecke poetischer Übung, wie Hermannvom Busche, die Himmelskönigin in Versen verherrlichten. Sogar Jakob Locher (Philomnsus)beteiligte sich daran und besang außer der Jungfrau auch noch alle Heiligen, Eremiten, Möncheund Priester; um so größer war daher die Entrüstung des Kreises, aus dem er hervor-gegangen, als er seit dem Jahre 1503 in mehreren Schriften, aus Eifer für den Humanismus(die „Poesie") gegen die Theologie zu Felde zog und sie verächtlich verwarf. Gegen Lochers„schändliches Machwerk" (tnrxem libellum) verteidigte der Straßburger Humanist und auf-richtige deutsche Patriot Jakob Wimpheling die heilige Wissenschaft und es gab einen sounerquicklichen und persönlichen Streit, wie sie unter den Humanisten leider nur zu häufigvorkamen. Für uns haben diese Vorfälle nur deshalb noch Interesse, weil mit ihnen SebastianBrants Hauptwerk zusammenhängt, in dem sich die Begeisterung für die Kirche in ihrerGanzheit mit derjenigen für Kaiser und Reich vereinigt. Dieses Werk war das „Narren-schiff", welches im Jahre 1494, illustriert mit Holzschnitten, in deutscher Sprache erschienund von dem damals noch nicht abgefallenen Jakob Locher ins Lateinische übersetzt wurde.Es ist eine gereimte Satire ohne alle Poesie, wie ohne alle Originalität, eine NachahmungFreidanks, den Brant zwar herausgab, aber nicht erreichte. Im „Narreuschiff" schwingt derDichter die Geißel über alle möglichen Narrheiten, die er in mehr als hundert verschiedenenNarren darstellt, welche sich auf einem Schiffe zusammenfinden, das über Schlauraffenland undNarragonien führt, das heißt auf einem der zur Fastnacht üblichen Wagenschiffe (S. 341).Der Einfluß des durchaus konservativen Werkes war ein radikaler und trug nicht wenig zurNährnng der Opposition gegen veraltete Übelstände in Staat und Kirche bei. Es ist ihmnamentlich auch die Ehre widerfahren, daß der berühmte Kanzelredner Johannes Geiler vonKeisersberg, übrigens ein Nachahmer Bertholds von Regensburg (S. 271), in Straßburg eineReihe von Predigten über Brants Narrenschiff hielt, dessen Narrheiten er als Sünden auffaßte.
Ebenso fern aller Feinheit und allem Wohllaut, aber mit mehr poetischer Gabe ließ imJahre 1512 der Franziskaner Thomas Murner aus dem Elsaß, der zwar nicht den Huma-nisten angehörte, aber mit ihnen in mannigfacher Verbindung und noch mannigfacherem Streitestand, seine „Narrenbeschwörung" folgen. Murner hat übrigens seine Dichterlaufbahn, nochmehr aber seine pädagogischen (mnemotechnischen) Spielereien, wie „juristisches Kartenspiel" u. a.durch seinen heftigen Kampf gegen die Reformation verdunkelt; wenn ihm auch zugestandenwerden muß, daß er dabei aus tiefster Überzeugung handelte und daß er von seinen Gegnernüber Gebühr und wider Verdienen verunglimpft und herabgesetzt worden, so bleiben doch seineauf diesen Streit bezüglichen Schriften Muster einer großen, selbst die damals allzusehr üblichenoch wesentlich übertreffenden Roheit.
Zu den Vorboten der Umgestaltung der Zustände Deutschlands, welche im sechzehntenJahrhundert auftrat und im allgemeinen auf zunehmende Selbständigkeit der einzelnen Lebens-kreise abzielte, gehört auch die neben den zuletzt geschilderten wissenschaftlichen und litterarischenBestrebungen sich vollziehende Unabhängigkeit der Kunst von der Kirche. Die Verdienste derGeistlichkeit um die Pflege des Schönen sind allerdings zu Zeiten rühmenswert gewesen, wiewir wiederholt hervorgehoben haben. Aber vielseitig und ihrer wahren Bestimmung gemäßkonnte sich die Kunst so wenig wie die Wissenschaft entwickeln, wenn sie stets in den Händeneines und desselben Standes blieb, dessen eigentliche Aufgabe ja lediglich die Pflege der Religionist. Wie schon die Dichter der Stauferzeit die Poesie, wie die Humanisten die Wissenschaftvon der einseitig geistlichen Wirksamkeit loslösten, so geschah es seit derselben Zeit und schonfrüher, daß die Bauleute sich durch die häufigen Kirchenbauten mehr und bedeutendere Kennt-nisse von der Baukunst aneigneten, als die Geistlichen, unter deren Leitung sie standen, besaßen.Langsam, aber stetig nahmen die geistlichen Baumeister an Zahl ab und räumten das Feldden kunstgerechten Steinmetzen, die durch keinen andern Beruf abgehalten wurden, sich voll-ständig in die Geheimnisse der Architektur zu vertiefen. Schon im dreizehnten Jahrhundertwaren die Baumeister in der Regel weltlichen Standes, und die Zunftordnungen der Städte,