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Zweiter Band.
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74 Viertes Buch. VI. Sitten, Tracht und Kunstgewerbe.

„am guets trinkle", so war vieles erlaubt und man verstand mehr Spaß als sonst. Hoch-gestellte Herren eröffneten ihre Gastmähler mit gewaltigen Zügen auf die Gesundheit desMonarchen und ließen die Riesenpokale in der Gesellschaft kreisen, bis keiner mehr auf denFüßen stehen konnte. Namentlich waren die Schlaftrünke im Schwange, nicht etwa schlaf-bringende Getränke, sondern kleine und große Gelage vor dem Schlafengehen, welche mitSchmausen und Trinken, Tanzen und Musizieren die halbe oder auch wohl die ganze Nachthindurch dauerten. Die Zechenden pflegten dabei bald in eine aufgeräumte Stimmung zugeraten, die sich gern durch Zerreißen, Zerschlagen oder Fortschleppen von Tischlaken, Schüsseln,Tellern und Gläsern äußerte.

Bei Festmählern, mit denen erfreuliche Staatsereignisse begangen oder sonstige öffentlicheVeranlassungen gefeiert wurden, entwickelte sich die größte Üppigkeit und der höchste Prunk.Bei einem Gastmahl, welches im Jahre 1569 der Rat von Braunschweig dem Herzog Juliuszu seiner Thronbesteigung gab, tafelte man vier Stunden. Als erster Gang wurde Rindfleischmit Suppe, Braten, Hasen und Rebhühner, Birnen und Pasteten aufgetragen; der zweite bestandin gekochten Vögeln und frischem Lachs; der dritte in Hirsch, mit Semmeln gebacken, und Wein-mus; der vierte in Hirschwildbret und Mandelkäse; der fünfte in Hirschpasteten und Schaffleisch;der sechste in gebratenen Vögeln und Quappen; der siebente in gebratenen Ferkeln und ge-trockneten Forellen; der achte in Mandeltorte und Gründlingen; der neunte in Ferkeln inGallert; der zehnte in Austern und Gebäck; der elfte in Krebsen, Karpfen und Pasteten; derzwölfte Gang endlich brachte noch Bratfische, Gebackenes und Parmesankäse. Den zweiten biselften Gang begleitete ein aus teilweise vergoldeten und bemalten Figuren, Tieren undVögeln aufgebautes Schaugericht. Für dieses Mahl wurden geschlachtet: acht Ochsen, zwei-unddreißig Hammel, dreizehn Schweine, fünfzig Hasen, siebzehn Stück Hirsche und Wildbret,236 Hühner, 82 Rebhühner, 190 Krammets- und 260 andere Böget; an Fischen wurden neunAale, 304. Karpfen, 203 Hechte, 1140 Gründlinge, 101 Barsche, dreißig Bratfische, eine Tonneund 66 Pfund Lachs und dazu noch 3600 Krebse verzehrt; über tausend Eier, eine Tonne und56 Pfund Butter und 246 Pfund Speck wurden verbraucht. Fünfzehn Faß Märzbier, ein Faßstarkes, acht Tonnen Weißbier, zwei Faß Einbeckerbier, vier Faß Mumme, sieben und ein halberOhm Rheinwein wurden getrunken. Von den Speisen blieb nur wenig, von den Getränkenaber gar nichts übrig. Zur Beleuchtung verwendete man 150 Fackeln, 36 Pfund Tafel- und103 Pfund Talglichter. Die Kosten für das Verzehrte betrugen 3085 Gulden 7 Schilling5 Pfennige; die für mutwillig zerstörte Gegenstände 2111 Gulden 2 Pfennige. Und diesesFestmahl gehörte noch keineswegs zu den besonders verschwenderischen.

Bei Anlaß von Herzog Ulrichs von Württemberg Hochzeit mit Sabina von Baiern, dieim Jahre 1511 zu Stuttgart gefeiert wurde, war für 7000 Gäste zu sorgen; 736 Ochsen und1800 Kälber wurden für dieselben geschlachtet und 6000 Scheffel Früchte verbacken; Tag undNacht lief aus zwei Brunnenröhren roter und weißer Wein. In Leipzig beging im Jahre 1561Prinz Wilhelm von Oranien seine Hochzeit mit Anna von Sachsen; dabei wurden 3600 Eimerund 1000 Fässer Wein getrunken: freilich waren 5647 berittene Gäste anwesend.

An Überraschungen und groteskem Luxus fehlte es bei großen Festen und besonders beiGastmählern selten; z. B. wurde der Wein von Küfern auf einem Wagen in den Saal gezogen;Reiter sprengten herein, welche zu Pferde die Speisen auftrugen; ein feuerspeiender Drachekroch in den Saal und wurde von Landsknechten erschlagen; Athleten, Sänger und Harfen-mädchen zeigten vor den Gästen ihre Künste; aus Pasteten flogen Vögel, sprangen Hasen undEichhörnchen hervor oder Wohl gar ein Zwerg stieg heraus, grüßte höflich und verschwand.

Kaiser Karl V. brachte zur Fürstenversammlung in Regensburg dreitausend Eimer Weinmit; denn an den Reichstagen galt es als eine Schande, ohne große Leistungen im Trinken heim-zukehren. Als sich des Kaisers spanische Höflinge bei ihm über die deutsche Trinklust beklagten,bekannte er seine Ohnmacht, gegen dieselbe ebensowenig auszurichten, wie gegen die Rauflustder Spanier. Aber nicht nur die Adligen und Stadtherren bewiesen eine so kunstfertige Kehle;die Geistlichen gaben ihnen in nichts nach, und an den Universitäten boten die Professorenden Studenten nicht etwa ein Vorbild der Mäßigkeit. Ja selbst die Damen beteiligten sich