Postverkehr. Ausbreitung des Hochdeutschen. Hans Sachs. 131
die neue Schriftsprache an, „ihnen folgten Ritterschaft und Prälaten; demnächst verändertendie Gerichte ihre Sprache; dann erst bahnte sich das Hochdeutsche den Weg zur Kirche undzuletzt auch in die Schule; das eigentliche Volk blieb davon unberührt, lernte es nur zumTeil verstehen, aber nicht reden." In der Schweiz nahm zur Zeit der Reformation nur dieUniversitätsstadt Basel die neue hochdeutsche Schriftsprache an; das übrige Land blieb imSchreiben bei einem Mittelding zwischen dem Volksdialekt und der neuen Sprache. Dieselbevertauschte die langen Vokale i und u durch ei und au in den Bibeln zwar schon 1530, sonstaber drang diese Änderung erst um 1585 durch, in den städtischen Kanzleien noch später, inZürich und Bern sogar erst in der Zeit von 1650—1675.
Die Derbheit des Lebens im allgemeinen, die Aufregung, die durch jene bewegte Periodeging, machte sich natürlich auch in der Litteratur geltend. Aber der ganze Zeitcharakter hin-derte das litterarische Schaffen nicht, manches Goldkorn zu erzeugen und in kühnen Gedankender Zeit voranzuschreiten. Auch fehlte es nicht durchaus an hervorragenden Geistern, welchesich von der „grobianischen" Manier zu schreiben nicht hinreißen ließen, sondern in maßvoller,bald launiger und bald ernster Weise den Musen huldigten. Das Schrifttum dieser Zeit warweder elegant noch klassisch; aber es arbeitete einer Verbesserung der deutschen Sprache vor,durch welche ihre seit dem Ende des Mittelalters angenommene neuere (neuhochdeutsche) Formerst gebildet und geglättet werden mußte, ehe in derselben unsere Muttersprache ihre mittel-alterliche Blüte zu übertreffen und mit anderen Völkern erfolgreich zu wetteifern vermochte.So traten denn damals im Gebiete der dichterischen Thätigkeit verschiedene Strömungen auf, dieein belebtes Bild darboten.
Die ersten deutschen Dichter seit der Reformation, welche nicht im Dienste der Theologiestanden, lehnten sich der urwüchsigen Volkslitteratur an. Erasmus Alberus aus Frankfurt a. M.und der frühere Mönch Burkard Waldis aus Hessen, welche beide der Reformation ergebenwaren und bald nach der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts starben, sammelten und dichtetenFabeln mit einer ihrem Standpunkte angemessenen Tendenz. Ihre Zeitgenossen Johann Agricolaaus Eisleben, dessen ursprünglicher Name Schnitter war und der eine schwankende, ja zwei-deutige Rolle zwischen den Bekenntnissen spielte, sowie Sebastian Franck aus Donauwörth, einpantheistischer Mystiker, der sich von beiden Kirchen losgesagt hatte, sammelten und bearbeitetendie deutschen Sprichwörter; Franck hat auch eine Weltgeschichte und eine deutsche Geschichte verfaßt.
Zu selbständiger Kunstdichtung dagegen erhob sich der für unsere Gegenwart noch am meistengenießbare deutsche Dichter des sechzehnten Jahrhunderts, der Nürnberger Schuster und Meister-singer Hans Sachs (1494—1576). In der Form durchaus ungewandt und ohne Sinnfür Schönheit der sprachlichen Darstellung, ragte er desto höher an sittlichem Gehalt undUnabhängigkeit der Denkart. Reiche Beobachtungsgabe und lebhafte Schilderungskunst, Gemüts-tiefe und treffende Charakterzeichnung sind ihm in hohem Maße zu eigen. Der Scherz warihm ebenso geläufig wie der Ernst. Durch Vielseitigkeit des Schaffens, durch freimütigeGeißelung aller Laster und Thorheiten seiner Zeit ragt er ebenso sehr hervor, wie durch echtvaterländisch deutschen Sinn und Geist. Hans Sachs kann nicht verleugnen, in der Atmosphäreaufgewachsen zu sein, in welcher ein Wilibald Pirkheimer, Albrecht Dürer und Peter Bischerlebten. Lutheraner aus freier Wahl und Verherrlicher der „wittenbergischen Nachtigall", ister doch frei von jeder konfessionellen Einseitigkeit; er ist ein Feind, wie aller kirchlichen Miß-bräuche der alten, so auch alles dogmatischen Gezänkes der neuen Kirche geblieben. In seinerVaterstadt war er eine höchst volkstümliche und einflußreiche Persönlichkeit; von seinen Zeit-genossen und deren Nachkommen wurde er als der größte deutsche Dichter anerkannt, bis indie im nächsten Jahrhundert kommende Periode der Nachahmung alles Fremden hinein. SeineFruchtbarkeit und seine Belesenheit setzen in Erstaunen. Fast alle antiken Schriftsteller hat er(in Übertragungen, obwohl er Latein verstand) benutzt, und dazu zahllose Werke des Mittel-alters, unter denen Boccaccio und die deutschen Volksbücher obenanstehen, während ihm, wieseiner Zeit überhaupt, die Perlen der mittelhochdeutschen Litteratur verborgen blieben. DieZahl seiner dichterischen Arbeiten übersteigt sechstausend, mehr als zwei Drittel davon sindMeistergesänge, die noch lange nicht alle gedruckt worden sind. Seine vielen erzählenden