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Zweiter Band.
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Viertes Buch. IX. Das dreißigjährige Kriegselend.

Kriegsgebiete die Pest aus; allenthalben wütete sie furchtbar; so raffte sie in Stuttgart 4379,in Gardelegen ein Jahr nach ihrem Auftreten 1205 Menschen hin. Durch das unaufhörlicheUmherziehen der Kriegsvölker, durch den steten Wechsel ihrer Quartiere von Ort zu Ort, durchdie flüchtigen Einwohner bedrohter oder verwüsteter Städte und Dörfer wurde die Verbreitungder Seuchen aller Art ins Maßlose gesteigert. Die Kranken, zu deren Pflege niemand dawar, starben zu Tausenden dahin. Tote Körper bezeichneten die Straßen der Soldatenzüge.Durch den Biß von Hunden, die von den verwesenden Leichnamen gefressen hatten und tollgeworden waren, verfielen auch Menschen und Vieh in Tollwut.

Aber nicht genug an allen diesen Leiden; auch die Gemüter wurden gefoltert. So oftKaiserliche oder Baiern die Oberhand gewannen, trieben sie die besiegten Anhänger der anderenGlaubenspartei in die Beichte und Messe und in die Predigt der Jesuiten, die ihren Soldatenüberall folgten. Die Geistlichen und Lehrer wurden vertrieben oder entflohen; tiefste Unwissenheitund greulichste Entsittlichung ergriffen infolgedessen immer weitere Gebiete. Während in denRuinen der Dörfer Räuber und Raubtiere hausten, schweiften die verjagten Bauern in denWäldern obdachlos umher und wurden selbst Räuber. Wo aber noch Verkehr und Handel war,da wurde er untergraben durch den ärgsten Wucher, durch die schlimmste Ausbeutung mittelsVerschlechterung des Geldes. Die Fürsten selbst trugen dazu bei indem sie das geringer ge-mischte Metall mit einem älteren Gepräge aus einer Zeit, in der es mehr galt, versahen, undKupfer wie Blech aus alten Kesseln und Pfannen in Massen zu Münzen schlagen ließen unddiese in den Verkehr brachten, wofür sie niemals Gold und Silber bezahlen konnten. Diefürstlichen Münzmeister trieben dieses Verfahren auf ihre Art weiter, indem sie heimlichschlechtes Geld prägten und den Gewinn darauf einsteckten. Vor falschem Gewicht und allerleiBetrügereien schreckten sie außerdem nicht zurück; zuletzt aber mußten sie sich auch selbst von denSchacherjuden, welche diesen sauberen Handel vermittelten, überlisten lassen. Die Beamten,Geistlichen und Lehrer mit ihrem kargen Gehalte, den sie in minderwertigem Gelde erhielten,erlitten den empfindlichsten Schaden, als sämtliche Lebensmittel sich verteuerten: und so alleStände in ihren Einnahmen, alle Gläubiger an ihren Schuldnern. Jagte dann die Nemesisdasselbe Spottgeld den Regierungen mit den Steuerzahlungen in die Kassen zurück, so suchtensich die Landesväter dadurch zu helfen, daß sie den Wert ihres eigenen Geldes herabsetztenoder sich weigerten, dasselbe anzunehmen. So sank in den Jahren 1618—1622 der Thaler

bis auf den zehnten Teil seines Nenn-wertes herab, wogegen ein guter Reichs-thaler auf zehn Thaler an Wert stieg.Die Leute, die sich mit diesem Treibenbefaßten, verachtete man allgemein unterdem Namen der „Kipper" und „Wipper",predigte gegen sie, schleuderte Schmäh-schriften und Karikaturen über sie in dasVolk und verhöhnte sie auf offenerStraße. Die Obrigkeiten sahen sich schließ-lich gezwungen, das schlechte Geld zurück-zuziehen und besseres zu Prägen.

Kein Übel ist zu denken, das demunheilvollen Boden, den der endloseKriegs- und Raubzustand bereitete, nichtentsprossen wäre. Banden von Gaunernbildeten sich aus Juden, Bettlern, Deser-teuren, Zigeunern, aus Leuten der ver-schiedensten Stände, deren Lebensbe-dingungen der Krieg vernichtet hatte.Als Räuberbanden rotteten sich be-sonders die nach dem Schlüsse des Krieges

Reiter im Kostüm um 1600.

Originalgroßes Faksimile eines Kupferstiches, 1598, von Heinrich Ullrich.