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Fünftes Buch. I. Die Staatsraison.
irre machen. Er wußte, daß das deutsche Reich unheilbar zerrissen, daß dem Kaiser in Branden-burg ein Nebenbuhler erwuchs und daß ihn von Osten her die Osmanen unablässig bedrängten,denen Ungarn und Siebenbürger, aus Haß gegen die jesuitische Leitung Österreichs, die Hand boten!
Ungeachtet dieser traurigen Lage der Dinge gab es indessen noch tüchtige Kräfte im Heeredes Kaisers. Im Jahre 1664 war dem Feldmarschall Grafen Raimund Montecuccoli dieglänzende Türkenbesiegung bei St. Gotthardt gelungen; aber fast zwanzig Jahre später erstwurde das belagerte Wien durch die Tapferkeit Herzog Karls von Lothringen mit Hilfeder Baiern, Sachsen und Polen von dem türkischen Erbfeinde befreit, dem bald ganz Ungarnund damit sein Waffenglück für immer verloren ging. So war endlich Deutschland derTürkennot ledig. Für lange Zeit auch hatte die Bedrängnis von Westen her ein Ende, denndie Franzosen litten im eigenen Lande an den schauervollen Folgen der Kriegswut ihres Halbgottes.
Österreich war äußerlich neu gestärkt, seine Macht vermehrt. Aber fortwährend krankte esdaran, daß seine durchaus nach Osten gerichteten Vergrößerungspläne unvereinbar waren mitseinem Wirken als Reichshaupt in und für Deutschland; und nicht weniger krankte es in seineninneren Angelegenheiten an der einseitigen Herrschaft des spanisch-jesuitischen Geistes. DieNiederhaltung aller nichtkatholischen Überzeugung durch die äußersten Mittel der Gewalt wardas hauptsächlichste Bestreben der Regierung. Protestantische Edelleute, welche bei Reichsfürsten
ihres Bekenntnisses um Verwen-dung für die Freiheit des neuenGlaubens in Österreich baten,wurden eingekerkert und bestraft.Protestantische Geistliche aus demkaiserlichen Reste Ungarns mußtenin Trieft und Neapel auf denGaleeren büßen. Nicht einmalwas der westfälische Friede denProtestanten in Schlesien undeinigen Teilen Österreichs zu-gesagt hatte, die Aufrechthaltungdes Zustandes von 1624 (S. 167)wurde erfüllt. In Schlesien, wodurch die früheren Gewaltmaßregeln (S. 148) eine Bekehrung in größerem Maßstabe nichterzielt worden war, blieben jetzt die von Sachsen, Brandenburg und Schweden gegen den fort-gesetzten Glaubensdruck erhobenen Vorstellungen fruchtlos. Im Dezember 1653 wurden imFürstentum Münsterberg achtundvierzig protestantische Kirchen geschlossen; im Winter jenesJahres überhaupt verloren die Protestanten in den Fürstentümern Schweidnitz und Jauer zwei-hundert Kirchen; in der Zeit von 1675—1707 wurden in Liegnitz, Brieg und Wohlan weiterehnndertundzehn Kirchen dem Gottesdienst der Protestanten entzogen; und so in ganz Schlesien.
Auch die katholischen Domkapitel wurden ihrer Wahlfreiheit beraubt, und die Bischofswahlwurde von der Regierung willkürlich zu Gunsten von Prinzen und Agitatoren ausgeübt. DiesesSystem erreichte seine Spitze, als im Jahre 1702 die Universität Breslau für die Jesuitengegründet wurde.
Infolge dieser Zustände wanderten österreichische Protestanten massenhaft nach Deutschland,sogar nach Schweden und der Schweiz aus, wodurch Österreich die besten Kräfte, vom gebildetenAdel, wie vom gewerbsamen Bürger- und fleißigen Bauernstande entzogen wurden. Ihre Gütererhielten italische, spanische und irische Hauptleute des großen Krieges. In Ungarn hatten sichdie von dieser Bedrückung Gepeinigten den Türken in die Arme geworfen, welche ihnen boten,was der Kaiser verweigerte, — Glaubensfreiheit: eine Thatsache, die ewig von der Ver-kehrtheit des damals herrschenden Systems zeugen wird, ebenso wie das furchtbare Blutgericht,das nach der glorreichen, durch die Schlacht bei Mohacz und die Eroberung von Belgrad (1687)vollendeten Wiedergewinnung Ungarns für die Christenheit in Eperies über alle Unzufriedenenverhängt wurde.
Medaille auf die Befreiung Wiens im Jahre 1683.Originalgröße. Berlin, Königl. Münzkabinett.