Brandenburg Lei Friedrich Wilhelms Thronbesteigung. 185
Bedeutung so schwach und haltlos, so sehr alles politischen Charakters bar wie der seinige.Brandenburg war unter Friedrich Wilhelms Vater von dem katholischen Jülicher Graf Adamvon Schwarzenberg im kaiserlichen und im eigenen Interesse des Statthalters geleitet worden.Der neue Kurfürst hatte seine jüngeren Jahre in Holland zugebracht. Dort hatte er viel vondem ernsten und freien Sinne der neuen Republik in sich aufgesogen und tiefe Blicke in dasWesen der vielverschlungenen europäischen Politik thun können, deren Mittelpunkt die Nieder-lande ja lange Zeit bildeten. Denn jetzt buhlte um die Freundschaft des früher von ihm ge-peinigten Holland nicht nur der spanische Hof, sondern auch die Franzosen und Britten, vondenen die Niederländer dann wütend bekriegt wurden, wenn sie den fremden Interessen nichtwillig dienten.
Brandenburg war bei Friedrich Wilhelms Thronbesteigung in die tiefste Recht- undGesetzlosigkeit versunken und von schwedischen Truppen überschwemmt; kein deutscher Staatbedurfte so dringend einer kriegerischen Stärkung wie dieser. Nicht besserer Zustände erfreutesich das seit dem Jahre 1618 damit vereinigte, vom Kriege zwar verschonte aber unter derpolnischen Oberhoheit, an Würde wie an Ordnung schwer leidende Preußen. Friedrich Wilhelmstand vor der Aufgabe, in diesen zwei größeren Teilen seines Landes, wie in seinen kleineren,an Weser und Rhein weitab liegenden Gebieten, feste Zustände zu begründen und zwischenihnen einen Zusammenhang herzustellen. Ein Heer war zu diesem Zwecke seine erste Sorgeund mußte es unter den damaligen unsicheren Verhältnissen sein. In keinem deutschen Staatewurde es in dem Grade wie in Brandenburg historisch-politischer Grundsatz, dem Heere diegrößte Sorgfalt angedeihen zu lassen. Schon nach fünfzehn Jahren hatte der Große Kurfürstdie dreitausend Soldaten, welche er übernommen, auf ein Heer von 26000 Mann gebracht,in dessen Bildung ihm seine Feldobersten Sparr und Derfflinger mit ihren reichen Erfahrungenan die Hand gingen. Er hatte dabei viel gegen die Überhebung und Gewaltthätigkeit mehrererOffiziere zu kämpfen; aber er führte strenge Mannszucht durch und sorgte dafür, daß die Be-völkerung durch die Truppen nicht übermäßig belastet werden sollte. Mit diesem Heere beginntdie Militärgeschichte Preußens. Schon im Jahre 1656 legte es in der siegreichen Schlacht beiWarschau gegen die Polen den Grund zu des Kurfürsten späteren Waffenerfolgen.
Auf friedlichem Gebiete, das keineswegs dem kriegerischen hintangesetzt wurde, wirkten dieGrafen Schwerin und Waldeck. Es galt, aus den Trümmern, in welche der dreißigjährige Kriegdie Kultur gelegt, Neues zu schaffen, den Verkehr zu beleben, Wohlstand zu erringen. Inhohem Grade war der Kurfürst bestrebt, seinem vom Kriege verwüsteten Kernlande durchFörderung der Landwirtschaft, der Gewerbe und des Handels, sowie durch Straßen- undKanalbauten wieder aufzuhelfen.
Vor allem war es nötig, die entvölkerten Gegenden wieder mit arbeitenden Menschen zubesetzen. Bauern aus deutschen Gauen, die weniger von der langen Kriegsnot gelitten hatten,kamen in die Mark und wurden auf wüst liegenden Bauern- und Kossätenhöfen, deren es überallso viele gab, angesiedelt. Aus Holland und Friesland zogen zahlreiche Einwanderer herbei,und diese namentlich wurden dem brandenburgischen Kurfürsten besonders wertvoll, denn ihreThätigkeit gab in den verschiedensten Zweigen der Landwirtschaft ein mustergültiges Vorbild.Der Große Kurfürst selbst hat mit Eifer der Obstbaumpflege obgelegen; seine Gemahlin Luisepflanzte die ersten Kartoffeln in der Mark. In den Jahren 1662 bis 1668 ließ FriedrichWilhelm den Kanal zwischen Oder und Spree bauen, durch den eine zusammenhängende Wasser-straße von Breslau bis nach Hamburg geschaffen wurde; sie leitete den Verkehr über Berlin,das von da an Handelsbedeutung gewann; schon am Ende des siebzehnten Jahrhunderts galtes als eine Handelsstadt etwa dritten Ranges.
Ferner gründete der Große Kurfürst das Medizinalkollegium und erließ Verbote gegenQuacksalberei und abergläubischerweise gebrauchte Heilmittel; Verzeichnisse der Geburten, Ehen undTodesfälle wurden eingeführt. Die Landesuniversität Brandenburgs in Frankfurt an der Oderwar vernachlässigt; jetzt widmete ihr der Fürst seine Aufmersamkeit und war bemüht, sie wiederzu heben; auch die spätere königliche Bibliothek in Berlin und die dortigen Kunstsammlungenbegründete der Große Kurfürst. Aber der hochfliegende ideale Plan einer internationalen, in