Friedrichs II. Verhältnis zur deutschen Litteratur. Geliert. 351
legte Friedrich der Große ein betrübendes Zeugnis von diesem Standpunkt ab. Mit Recht hater daher in späteren Jahren, als ihn der werdende „Demosthenes der Revolution", Mirabeau,fragte, warum der Cäsar der Deutschen kein Augustus geworden, geantwortet: „Was hätte ichWohl zum Besten der deutschen Schriftsteller thun können, was die Wohlthat ausgewogen hätte,die ich ihnen erwies, als ich mich um sie nicht kümmerte, ihre Bücher nicht las?" Hätte eres gethan, er hätte ohne Zweifel aus eine Weise in die Entwickelung der deutschen Litteratureingegriffen, welche dieser sicher nicht förderlich gewesen wäre. Was Staatsverwaltung undRechtspflege nicht nur ertragen, sondern sogar verlangen, das kann den auf den kühnen Flughervorragender Geister angewiesenen „schönen Wissenschaften" nur zum Nachteile gereichen.Wie aber der große König, ungeachtet seiner Zurückhaltung, Wider seine Absicht aus die Ent-faltung des litterarischen Schaffens eingewirkt hat, das werden zahlreiche Züge der Darstellungdessen, was die deutsche Litteratur während seiner Regierung geworden ist, zeigen.
Friedrich hatte in Leipzig mit zwei deutschen Dichtern persönlich gesprochen, die er nach-einander als die größten ihres Vaterlandes feierte; der eine war Gottsched, der andere aber,der jenen bei dem König ausstach, Christian Fürchtegott Gellert (1715—1769), welcher alsProfessor und Prediger in Leipzig lebte. Gottsched schätzte der König wegen seiner Anlehnungan die bewunderten Franzosen; zu Gellert zog ihn die Verwandtschaft der Fabeln desselbenmit denjenigen Lafontaines hin. Gellert nannte sich freilich ein Original. Sein Fühlen undDenken war in der That deutsch; aber er teilte sowohl mit den Franzosen, so sehr er ansittlicher Tiefe deren Gegensatz war, wie auch mit den ihm in dieser Beziehung nahestehendenmoralischen Zeitschriften und Novellisten Englands den gänzlichen Mangel an jener Kraft derFreiheit, an jener Leidenschaft der Dichtung, durch welche die germanischen Poeten, Mittel-hochdeutsche, Engländer und Neuhochdeutsche, groß geworden sind. Gellert war ein wohl-meinender, ruhiger Schriftsteller, gewissermaßen eine moralische Autorität, die von ganz Deutsch-land zu Rate gezogen wurde. In seinem sanften friedliebenden Sinne stand er der konfessionellenBeschränktheit ferne, diente damit aber, selbst in seinen beliebten „geistlichen Liedern", dochnur dem gemäßigten Flügel der Aufklärung. Allein er hat in die deutsche Litteratur einenfließenden Stil eingeführt und das meiste zur Beseitigung des steifen Alexandriners beigetragen.
Im Fache der Fabel mit lehrhaftem Charakter steht ihm Gottfried Lichtwer nahe, welchereine gewisse realistische Kraft verriet, die Gellert fehlte. Beiden mangelte auch die Satire,welche mit der Fabel gern Hand in Hand geht, nicht; dieselbe wurde aber von zwei ihrerdichtenden Zeitgenossen, Liscow und Rabener, ganz in Anspruch genommen und ausgeübt.Jener geißelte in Versen Personen, dieser in Prosa Zustände. Da sich indessen die Satirenotwendig im Kreise ihrer Zeit bewegt, sind ihre Arbeiten für die Nachwelt nur von ge-schichtlichem Wert. Ebenso sind die Zustände entschwunden, welche den Braunschweiger Pro-fessor Friedrich Wilhelm Zachariä zu seinem komischen Heldengedicht „der Renommist" antrieben,nämlich die rohen Sitten der damaligen Studentenschaft. Übrigens ist dieser Dichter einerder ersten des achtzehnten Jahrhunderts, in dessen Schöpfungen der seit dem dreißigjährigenKriege eingeschlafene deutsche Patriotismus wieder erwacht und begeistert auf die ruhmvolleGeschichte der Vorfahren hinweist. Dieser Richtung huldigte auch der Dramatiker EliasSchlegel (1718—1749), welcher zuerst in Deutschland auf Shakespeare aufmerksam machte,dessen Schaffen aber in den Banden Gottscheds gefangen blieb, was auch von den dramatischenDichtungen Christian Felix Weißes, des „Kinderfreundes", gesagt werden kann.
Die meisten dieser Dichter standen in engerer oder weiterer Verbindung mit einem littera-rischen Kreise, dessen Sitz in Leipzig war und der sich (1744—1748) die „neuen Beiträgezum Vergnügen des Verstandes und Witzes", meist die „Bremer Beiträge" genannt, zumOrgan erkoren hatte. Dieser Verein vergnügte sich an den Rokoko-Figuren der damals herr-schenden Operette und bemühte sich eifriger, anmutig und zierlich zu dichten, als etwas Großeszu leisten.
Höherem Ziele kamen die Dichterschulen näher, welche sich, begeistert von dem Ruhme ihresFriedrich, unter den in Halle lebenden Poeten entwickelten. Es war nicht zu verkennen,daß der zwar französisch fühlende Monarch, welcher französischen Übermut bei Roßbach jedoch