Z52 Fünftes Buch. X. Die Aufklärung in Litteratur und Kunst.
so empfindlich gezüchtigt hatte, die deutsche Gesinnung mächtig stärkte und zur Beschreitungneuer dichterischer Bahnen anregte. Jmmannel Pyra ich 1744), welcher in Halle dem vonSamuel Gotthold Lange 1734 gegründeten Verein zur Förderung der deutschen Sprache undPoesie angehörte, war ein Gegner Gottscheds und Verehrer Miltons; gleich manchen anderenAufklärern war auch er aus dein Pietismus hervorgegangen, hielt aber, wenn auch antikerForm huldigend, bezüglich des Inhalts seiner Dichtungen am biblisch-christlichen Ideal fest.Das verhinderte ihn indes nicht, den Beginn der Regierung Friedrichs zu verherrlichen, dessenhervorragendste Thaten in Krieg und Frieden aber der zu früh gestorbene Dichter nicht erlebte.Sein Freund Gotthold Lange sang nachmals des Großen Friedrichs Rühm. Pyra hatte die Ab-schaffung des Reims verlangt; auch Wilhelm Ludwig G leim (1719—1803), und seine Freunde,die „Anakreontiker", welche den Wein, die Blumen und die Liebe schwärmerisch besangen,dichteten ohne Reim. Die unglückliche Dichterin Anna Luise Karsch (1722 —1791) standebenfalls diesem Kreise nahe. Der formgewandteste unter ihnen, Johann Peter Uz, kehrte jedochzum Reime zurück, welchen, als der Ernst der Zeit an die Schwärmer herantrat, auch Gleimin seinen einfachen, ungekünstelten, zum Herzen sprechenden „Liedern eines preußischen Grena-diers" anwandte, die zu Anfang des siebenjährigen Krieges gewaltiges Aufsehen erregten, eine
Menge Nachahmungen hervorriefen und vieleAnregungen zu besseren Schöpfungen enthielten.In Oden nach dem Muster des Horatius, aberin streng militärischem und ausschließlich Preußi-schem Geiste, besang Karl Wilhelm Ramler denHeros der Zeit. Für denselben starb an denWunden, die er auf dem Schlachtfelde bei Kun-nersdorf (1759) erhalten, der Offizier ChristianEwald von Kleist, welcher in seinem farben-reichen Naturgemälde „der Frühling" nach Thom-sons und Hackers Vorbildern mit ungekünstelterBegeisterung die Jahreszeiten zu schildern be-gonnen hatte. Den Tod für das Vaterland,welchen Kleist geahnt und gestorben, feierte ineiner edel gehaltenen Abhandlung (1761) ThomasAbbt aus Ulm. Solche ethische Stilübungenwaren damals sehr beliebt; auch das „Verdienst"hat Abbt gepriesen, wie vor ihm der Schweizer-Johann Georg Zimmermann, der Leibarzt in Hannover, später Arzt Friedrichs, im übrigenaber eine litterarische Windfahne und Klatschbase war, die „Einsamkeit" und den „National-stolz" würdig und mannhaft gefeiert hat.
Der Dichter aber, welcher den hochpatriotischen Sinn, in Verbindung mit wahrer christ-licher Begeisterung und einem tiefgefühlten Natnrkult, zur höchsten Entwickelung brachte undder im vorigen Jahrhundert einen Rühm erlangt hat wie kein anderer, während unsere Zeitihn verworfen hat, war Friedrich Gottlieb Klopstock, geboren 1724 in Quedlinburg, gestorben1803 in Hamburg. Ein eifriger Anhänger der von den Gegnern Gottscheds verkündetenästhetischen Grundsätze, wurde er der poetische „Messias" der Bodmerschen Schule, von derenMitgliedern er in der Mitte des Jahrhunderts in Zürich, dessen See er so schön besang,festlich empfangen wurde. Denn sein christliches Heldengedicht „der Messias", der erste größere,wenn auch noch etwas unbeholfene Versuch der Anwendung des Hexameters im Deutschen, warbei Beginn seines Erscheinens (1748) mit einem überschwänglichen Entzücken aufgenommen worden,bei dem nicht zu ahnen war, daß das Werk während seiner langsamen, bis 1773 sich hin-ziehenden Vollendung einer zunehmenden Lauheit begegnen und zuletzt in der Lesewelt auf Kältestoßen werde. In der That aber bildet der „Messias" in Anlage und Charakteristik nur einenhöchst schwachen Gegensatz zu Miltons großartiger Dichtung vom „Verlorenen Paradies" undist nirgends geeignet, Wärme und Begeisterung zu wecken. Es war eine verhimmelnde Lyrik, die
Faksimile der Titel-Vignette des zweiten Teiles vonKleists sämtlichen Werken. Originalgröße.