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Zweiter Band.
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354
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354 Fünftes Buch. X. Die Aufklärung in Litteratur und Kunst.

wandte er sich in der Schweiz bei Bodmer der christlichen Muse Klopstocks zu, bis er sichschließlich der Aufklärung in die Arme warf, welche bei ihm eine vorwiegend frivole Färbungannahm, die einem Prinzenerzieher mehr als sonderbar anstand. Er fußte in dieser seinerdichterischen Auffassung ganz auf dem Boden der Franzosen seiner Zeit, welche VoltairesFahne folgten, während er andererseits den in Frankreich gehaßten Shakespeare hochhielt undübersetzte. Kecker als in seinen weitschweifigen satirischen Romanen lacht und tollt jene Richtungin seinen die Phantasie Ariostos nach dem Norden verpflanzenden komischen Heldengedichten,dem „neuen Amadis" und anderen, welche in einer nie und nirgends dagewesenen Märchen-welt, im „alten romantischen Land" spielend, Heldentum und Liebe ironisch darstellen. Denlüsternen, üppigen Inhalt verdeckt der Dichter vielfach durch seine fließende Sprache in kalei-doskopisch schillernden Bildern und angenehm abwechselnden Versmaßen. In dem vollendetstendieser Werke, dem „Oberon", trat endlich jene Eigenart des Stoffes hinter der schönen Formzurück: hier streifte der Dichter bereits die Anfänge einer Entwickelungsstufe der deutschenLitteratur, welche als deren neuere Blütezeit den Stolz der Nation bildet.

Eine ebenso gründ- und bodenlose Traumwelt wie in Wielands Epen, nicht aber eineneckischen Witz sprudelnde, sondern eine ruhige idyllische, nur glückliche Menschen feiernde, inrührenden Lebenslagen sich gefallende Märchenwelt, hat der Züricher Salomon Geßner (1730bis 1788), der Landsmann. und Jünger von Bodmer und Haller, der Bewunderer Theokrits,

in seinen Poesien wie auch in seinen liebenswürdigenRadierungen aufgebaut. Er war ein geschickter Land-schaftzeichner, der seine Stiftskizzen in die Sprache derFeder übersetzte und im „Tod Abels" das Leben derersten Menschen dichterisch darzustellen wußte.

Alle diese Männer jener Zeit, welche über die-selbe hinaus einen Namen von Geltung im Reiche derDichtkunst zu erringen entweder nicht die Kraft odernicht das Glück hatten, stellte nun einer in denSchatten, welcher als der Mann der Zukunft, als derBegründer des poetischen Ideals der Zeit, in welcherwir leben, betrachtet werden muß, — Gotthold EphraimLessing. Geboren am 22. Januar 1729 zu Kamen;in der Lausitz, und schon als Studierender in Leipzigmehr mit Gedichten und Lustspielen, als mit dem Studium beschäftigt, kam er im Jahre 174-8als Schriftsteller nach Berlin, welches seit einiger Zeit, wenn auch nicht durch Unterstützungdes die Franzosen unablässig vorziehenden Königs, aber doch infolge der Berufung tüchtigerKräfte durch seine aufgeklärte Regierung ein Sammelplatz hervorragender Schriftsteller in Prosaund Poesie, wie Nikolai, Mendelssohn, Abbt, Sulzer, Kleist, Ramler geworden war. Lessingwurzelt in den Kreisen der Aufklärung; allerdings nicht in der die Halbgebildeten beherrschenden,schwankenden Form derselben, sondern, da er gründliche wissenschaftliche und sprachliche Kennt-nisse besaß, in ihrer Konsequenz. Die Religion war ihm nicht Betrug, wie vielen Aufgeklärten,sondern eine Thatsache, ein Bedürfnis, auch des Gebildeten; nur unterschied er sie von ihrenhistorischen Gestaltungen, den Offenbarungen und Kirchen. Schon um die Mitte des Jahr-hunderts verkehrte Lessing mit Voltaire, welcher damals in Berlin lebte; er zerfiel aber mitihm und erntete durch diesen Bruch die Abneigung, welche Friedrich stets gegen ihn hegte.Dieser Umstand ist um so mehr zu bedauern, als beide Männer in ihrem Charakter ungemeinviel ähnliche Züge hatten und vereint unsterblich Großes hätten wirken können. Lessingverdiente die königliche Ungnade am wenigsten unter den gleichzeitigen deutschen Dichtern;denn er hat den Helden jener Tage nicht nur wie die anderen Poeten in gewöhnlichen Versenbesungen, die heute vergessen sind. Mehr und besseres hat er gethan, -— er hat die Siegeund Thaten des Königs, ohne ihm zu schmeicheln, in dem ersten echt deutschen Schauspiele ver-ewigt und er hat Deutschland endgültig von der Vorherrschaft französischer Sprache undLitteratur, gegen welche kein anderer Dichter etwas vermochte, befreit. Dadurch erst erhielt das

Vignette aus Salomon Geßners Idyllen,von ihm selbst radiert. Originalgröße.