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Zweiter Band.
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356 Fünftes Buch. X. Die Aufklärung in Litteratur und Kunst.

neuen zukunftreichen Richtungen den Grund: im „Laokoon" zur neu erwachenden Begeisterungfür die Antike und in der „Minna von Barnhelm" zum echt deutschen, auf nationalem undhumanem Grunde stehenden Lustspiel, in welchem die stehenden Figuren der alten Komödie be-seitigt wurden, und der Soldat zum erstenmale als fühlender Mensch, die Frau aber alsTrägerin des deutschen Gemütes erschien. Den Versuch, die deutsche Nationalbühne nicht nurim Buche, sondern auch auf den Brettern zu gründen, machte Lessing seit dem Jahre 1767in Hamburg durch seine „Hamburgische Dramaturgie". Aber auch dieses Werk blieb Buch undward nicht zur That, zu welcher die Organe der Bühne weder die Krast, noch den Willenhatten. Dafür ist es zur Grabrede der französischen Dramatik geworden und hat zur Ein-sührung Shakespeares in Deutschland, wie auch zur Grundlage der auf Lessing folgenden Blütedes deutschen Theaters gedient. Zugleich hatte er gegen anmaßende Kliken zu kämpfen, nament-lich gegen jene des Professors der Philologie Klotz in Halle, welchen er als Plagiator entlarvthatte und gegen dessen Freund Sonnenfels (S. 328), welcher aus Rache Lessings Berufungnach Wien verhinderte. Auch die Zeit der Aufklärung hatte ihre Schriftstellerfehden wie jenedes Humanismus, und ein Lessing kannte keine Schonung gegen das, was ihm verwerflich schien.

Seit dem Jahre 1770 war der Dichter herzoglicher Bibliothekar in Wolfenbüttel. Hierentstand in „Emilia Galotti" ein erster Ausdruck von Lessings ästhetischen Grundsätzen bezüglichdes Trauerspieles, der zugleich das schneidigste unter italienischer Maske gegen die Zuständeder kleinen deutschen Höfe gerichtete Tendenzdrama war. Die „Wolfenbiittler Fragmente",welche Lessing aus dein Nachlasse von Reimarus (S. 338) herausgab, verwickelten ihn in einenharten Streit mit dem Pastor Goeze in Hamburg und anderen Zeloten, unter die sich auchder eben erst bekehrte Halbrationalist Semler mengte. Dieser Kampf für Aufklärung, Toleranzund Humanität drückte Lessing zu seinem Schwanengesang, dem ersten deutschen Drama inreimlosen Iamben, die Feder in die Hand. Die gefeierte Dichtung „Nathan der Weise", isteine in dramatische Form gebrachte Verfechtung der Unabhängigkeit von Glaubensvorschristen;von „Toleranz", wie mau sonst meinte, ist nicht die Rede darin. Die Personen sind nichtCharaktere, sondern Typen; die Hauptsache liegt in der Parabel von den drei, bekanntlich diedrei monotheistischen Religionen bedeutenden Ringen, welche alle drei unecht sind, während derBesitzer eines jeden den echten zu besitzen glaubt. Die Fabel ist leider unglücklich gewählt; sieendet unbefriedigend und läßt den Knoten ungelöst, indem verschwiegen bleibt, ob der alsSultansneffe entpuppte Templer fortan seine Glaubensgenossen und Ordensbrüder oder aberseine Verwandten befehden werde — eine recht peinliche Wahl! Als dieses letzte dichterischeWerk vollendet war, legte Lessing sein religiös-philosophisches Testament, die Prinzipien derVernunftreligion nach seiner Überzeugung, in den hundert Sätzen von der „Erziehung desMenschengeschlechtes" nieder, wie er schon vorher sein freimaurerisches Glaubensbekenntnis in„Ernst und Falk" ausgesprochen hatte. Allzufrüh, nach einem Leben voller Kämpfe undSorgen und mit kurzem Eheglück, das ihm, ein Jahr lang nur, Eva König geschenkt hatte,ging er am 15. Februar 1781 in Braunschweig zur Ruhe ein. Lessing starb arm, wie ergelebt hatte, aber mit dem Bewußtsein vieler menschenfreundlicher Handlungen und der müh-selig, aber sieghaft vollbrachten Grundlegung einer neuen Periode deutschen Schaffens.

Auch auf dem bescheideneren Felde des Briefes war schon vor der Mitte des achtzehntenJahrhunderts der Beginn eines Umschwunges in den Neigungen der Deutschen wahrzunehmen.Die Etikette und das lästige Ceremoniell traten zurück vor dem moralischen Element. Diedeutsche Sprache machte den fremden Zungen und der Mischsprache das Feld streitig; siewurde gebildeter und natürlicher und wurde wieder in Ehren gehalten. Freilich war die imBriefe herrschende moralische Richtung zunächst noch etwas spießbürgerlich, doch ohne einseitigstreng und ernst zu sein; der Humor behauptete neben ihr feine Rechte und trat, freilich auchnach französischem Vorbild, an die Stelle der früheren Derbheit. Die Gattin Gottscheds(S. 284) konnte als eine Meisterin dieses neuen Briefstils gelten; ihr Mann selbst hatte sie,schon ehe er ihr Bräutigam war, ermähnt, deutsch zu schreiben und war dann erstaunt, daßes ihr so vortrefflich gelang. In ihrem Charakter hatten die Briefe der „Gottschedin" mehrvon dem feinen und zarten natürlichen Wesen des vielgerühmten Briefwechsels, den im letzten