Lessing. Der Brief im achtzehnten Jahrhundert. Z57
Viertel des siebzehnten Jahrhunderts Madame de Sevigns mit ihrer Tochter führte, als vonder witzigen und kräftigen Natur, welche die Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans inihren eigenartigen Briefen (S. 269) offenbart hatte. Was bei der geistvollen und gelehrtenGattin des Leipziger Professors natürliche Anlage war, das leistete Geliert, .welchen Rabenerdazu ermuntert hatte, in Anwendung bewußter Theorie. Nach seinem Beispiel fand die natür-lichere Schreibweise mehr Verbreitung, noch aber litt sie an Weitschweifigkeit, Geschwätzigkeitund Eitelkeit der Schreiber. Die bisherigen galanten Briefsteller kamen nun aus der Mode.Die Titulaturen wurden einfacher und die überflüssigen Formeln verschwanden. Eine tiefereEmpfindung begann mit Klopstock sich geltend zu machen, wenn sie auch oft gesucht war.Die Anakreontiker gefielen sich in antiken und mythologischen Phrasen und Namen. Einenmehr nüchternen und kürzeren Briefstil hatte Lessing zum Hauptvertreter, dessen Grundsatz war:„Schreibe wie Dw redest, so schreibst Du schön." Die Frauen schrieben im ganzen anziehender
Allegorie auf den Nachdruck. Faksimile der Radierung von Daniel Chodowiecki.
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und natürlicher als die Männer, wenn auch nur eine geringere Anzahl von ihnen zum Brief-schreiben kam. An Fürsten und andere vornehme Personen schrieb man freilich, wie diese
selbst, noch immer in französischer Sprache, die auch in den Adressen deutscher Briefe noch
bis um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angewendet wurde. Seitdem nahm auch
die welsche Neigung der Vornehmen und die antike der Gelehrten für die fremden Sprachenund deren Gebrauch ab. Für kein Zeitalter der Entwickelung der deutschen Sprache ist dasBriefschreiben so bedeutend gewesen wie im vorigen Jahrhundert. Es war eigentlich eineepidemische Manie. Man rühmte sich gern eines großen Briefwechsels und freute sich desEmpfanges nicht nur vieler, sondern auch langer Briefe. Mau schrieb im Hause und imFreien; für manche Leute wurde es zur Hauptbeschäftigung. Sehr beliebt war es auch, daßder Briefschreiber geheimnisvoll sich nicht nannte oder einen falschen Namen für sich brauchte;viele „Brieffreunde", wie sie sich nannten, waren einander gar nicht persönlich bekannt. Dieempfangenen Briefe lobte man gegenseitig überschwänglich und schrieb sie zur Weiterverbreitungvielfach ab, so daß sie auch oft im Druck erschienen, sogar nicht selten gegen den Willen der