Z58 Fünftes Buch. X. Die Aufklärung in Litteratur und Kunst.
Verfasser. Mit Vorliebe wurden in den Briefen Stoffe der Litteratur behandelt; man berichteteeinander über das, was man las oder schrieb und bezeugte damit die wachsende Bedeutung desdeutschen Schrifttums. Briefe in Versen waren häufig, Romane wurden in Briefen abgefaßt,und sogar Zeitschriften wurden in Briefform geschrieben. Auch die Satire, die wissenschaftlicheBelehrung, die litterarische Fehde und die Politik spielten ihre Rolle im Briefwechsel.
Die Wissenschaft der Kunst hatte von Bodmer und Breitinger bis auf Lessing einen viel-bewegten Entwickelungsgang durchgemacht, war indes noch nicht in ihre Reifezeit eingetreten.Damals erst flössen ihre verschiedenen Quellen allmählich in einen Strom zusammen. DasDasein einer Wissenschaft des Schönen, für die er den Namen der „Ästhetik" schuf, be-gründete in einem lateinischen, breiten und ungenießbaren Buche ein Schüler von Leibniz,Alexander Gottlieb Banmgarten (1714—1762), welcher Professor in Frankfurt a. O. war.Als ihren Maßstab kannte er nur die Dichtkunst, soweit sie zu seiner Zeit gediehen; diebildende Kunst war ihm fremd geblieben. Diese wurde zum erstenmale von Johann JoachimWinckelmann in den Bereich der wissenschaftlichen Gebiete einbezogen. Die Studien diesesGelehrten, der im Jahre 1717 in Stendal geboren wurde, 1754 dem Kunsteiser seinenGlauben opferte, dann Antiquar der apostolischen Kammer in Rom wurde und 1768 in Trieftden Tod durch Mörderhände fand, gereichten vor allem der Geschichte der Erkenntnis desSchönen zum Vorteil: Winckelmann erst schuf die Kunstgeschichte. In seiner epochemachenden,1762 vollendeten „Geschichte der Kunst des Altertums" ist die Theorie des Schönen nochunvollkommen; aber dieses Werk legte den Grund zu der unmittelbaren, nicht durch die Römervermittelten Kenntnis des hellenischen Ideals und zu der heutigen Hochschätzung der griechischenKunst; es hat den Untergang mißlungener Nachahmungen einer falsch verstandenen Antike, miteinem Wort: den Sturz des Rokoko herbeigeführt.
Was ihm fehlte, die Fortbildung des Geistes antiker Schönheit in den Werken der Neu-zeit und die Würdigung der verschiedenen Künste, das holte Lessing in seinem unvollendetgebliebenen „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie" (1763) nach. DenTitel des Werkes veranlaßte eine Bemerkung Winckelmanns über jene aus dem trojanischenSagenkreise heraus geschaffene, den Tod des Laokoon und seiner Söhne darstellende antikeMarmorgruppe, an deren Vergleichung mit Vergils Schilderung des Mythos Lessing eineVergleichung der Künste überhaupt anknüpfte. Er zeigte, daß die Gesetze der bildenden Kunstfür die Poesie nicht ausreichen und letztere ihren eigenen Maßstab habe; er untergrub damitdie Bodmersche Vermengung der Malerei und Dichtkunst, sowie die bis auf seine Zeit herr-schende Liebhaberei der Allegorie, und schuf die Kunstkritik. Über die in seinem Standpunktenoch waltenden Schwächen, zu denen unter anderen ein Mangel an Verständnis der Malereigehörte, kam auch sein Zeitgenosse und Freund, der Schweizer Johann Georg Sulzer (1720bis 1779), welcher Professor und Akademiker in Berlin war, in seiner lexikalischen „Theorieder schönen Künste" (1771—1774) nicht hinaus. Das Ende des Jahrhunderts erst führteeine wissenschaftliche Begründung, sowie auch eine selbständige und vorurteilslose Pflege undDarstellung der Idee des Schönen in Deutschland ein.
Faksimile einer Radierung von Salomon Geßner.Originalgröße.