Physiognomik. Schädellehre. Tierischer Magnetismus. Tenfelsbeschwörer. Geisterseher. 373
(1758—1828). Wie jene aus den Gesichtszügcn, so wollte diese aus den Erhöhungen desSchädels den Charakter des Menschen erkennen. Obschon nicht besser begründet, überlebte sieihre beweglichere Schwester; aber auch ihr hat sich keine Zukunft anfgcthan.
Als dritte in dem Bunde falscher Wissenschaften der Sturm- und Drangperiode versuchte dievon Franz Anton Mesmer (1734—1815), einem Visionär und Schwärmer, erfundene Lehrevom „tierischen Magnetismus" ihr Glück in jener Wundersüchtigen Zeit und brachte ihremUrheber erstaunlichen Zulauf. Derselbe behauptete, daß besonders dazu befähigte Personen,durch Berührung mit ihrer Hand, sogar durch bloßes Hinweisen auf Leidende, Krankheiten zuheilen im stände seien. Das Magnetisieren wurde Mode. Schwärmer haben den Erfinder alsMessias gefeiert; die Wissenschaft aber hat seine Lehre verworfen.
Im Gegensatze zu dem Scheine der Wissenschaftlichkeit, mit welchem diese drei Gattungendes Wahnes umgeben waren, trat der ungeschminkte Betrug auf die Bühne in dem als Teufels-beschwörer umherreisenden Pfarrer Josef Gaßner ausVorarlberg (1727—1779). Im Interesse der extremenrömischen Partei und des aufgehobenen Jesuitenordensgab er vor, „Besessene" vom „bösen Geiste" befreienzu können, und ließ im Jahre 1774 in Kempten sogarein Buch, „Unterricht Wider den Teufel zu streiten",erscheinen. Bon den Bischöfen ließen ihn einige kommenund sein Wesen treiben, andere aber verjagten ihn mitSchimpf und Schande. Schließlich erntete er nur nochletzteres Schicksal; im Jahre 1776 haben die Erz-bischöfe von Prag und Salzburg den Exorzismnsverboten.
Eine weitere Gruppe damaliger Propheten desAberglaubens bilden die Geisterseher. Zwei fremdeAbenteurer dieses zweifelhaften Berufes, der sogenannteGraf St. Germain, unbekannter Herkunft, welcher imJahre 1780 als Alchemist bei dem Landgrafen Karlvon Hessen in Eckernförde starb, und der SizilianerGiuseppe Balsamo, genannt Graf Cagliostro, erregtenin den siebziger Jahren, wie in den meisten LändernEuropas, so auch in Deutschland viel Aufsehen. Beidebehaupteten, ungezählte Jahrhunderte alt zu sein undwußten sich, obschon öfter als Gauner entlarvt, immerwieder geltend zu machen. Namentlich gelang diesCagliostro, als sogenannter Groß-Kosta, durch seineden Freimaurern nachgeahmten mystisch-phantastischenLogen, in welchen Geister citiert, Alchemie und an-derer Unsinn getrieben wurde. Bei Basel ließ er aufeiner Anhöhe ein Gebäude errichten, in welchem verdiente Männer durch Gebet und allerleiExperimente die Unsterblichkeit sollten erlangen können. Schließlich aber wurde sein Nimbusdurch die Enthüllungen, welche Elisabeth von der Recke, eine geborene Gräfin von Medem,(1787) über sein Treiben in Mitau machte, vernichtet; er wurde seitdem aus allen Ländern,in die er noch kam, vertrieben, bis er im Jahre 1795 als Gefangener der römischen In-quisition endete.
Daß diese Hochstapler mit ihren Geistersehereien so lange vielfachen Glauben fanden, istnicht zum Verwundern in einer Zeit, in welcher trotz der Aufklärung in manchen Fürsten-schlössern eine „Weiße Dame", wie an geistlichen Höfen ein „Mann im grauen Rocke" oderein anderes Gespenst, so 1767 in Trier kurz vor dem Tode des Kurfürsten, spuken sollte.Es war umsonst, daß der Königsberger Professor Jmmanuel Kant im Jahre 1755 durchseine geistvolle Ansicht über die Weltentstehnng den Horizont seiner Zeitgenossen zu einem
Pater Gaßner.
Faksimile der Radierung von Daniel Chodowieckr.Originalgröße.