Band 
Zweiter Band.
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Sechstes Buch. I. Sturm und Drang.

„Werther" über. Zwischen Thatendrang und Empfindsamkeit schwankte und tobte ja auch jeneSchule ohne Regel hin und her! Der dichtende Advokat und Reichskammergerichts-Praktikantfaßte die sich selbst verzehrende Liebesschwärmerei seines Jahrhunderts in den „Leiden desjungen Werther" zu einem Aufschrei des Weltschmerzes zusammen, den jedoch die seelenvollsteNaturbegeisterung, die erschütternde Gemütstiefe, die packenden Lebensbilder dieses ersten deutschenLiebesromans zu einem Hohenliedc veredelten, welches sich der das ganze All in einer mächtigenErregung ihres Innersten ergreifenden und in dieser auflösenden Menschenseele entrungenhatte, die durch das Fehlschlagen der Hoffnung auf Erfüllung dessen, was sie einzig erstrebt,zu Grunde gehen muß. „Werther" erregte eine ähnliche elektrische Wirkung auf alle empfind-samen nicht nur, sondern auch auf alle empfänglichen Seelen wie „Götz" und fand nicht alleinin Deutschland, sondern in ganz Europa Widerhall und Nachahmung. Liebesgeschichten, be-sonders in Brief- und Tagebuchform, wurden epidemisch.

Soweit hatte Goethe aus seinem Leben und Empfinden heraus gedichtet, der Leidenschaftdes Handelns in „Götz", der des Duldens in „Werther" die Zügel schießen lassen. Beidesentflammte poetische Talente aus seinem Freundeskreise, die aber nicht wie er den Fixsternen,sondern nur vorübergehenden Meteoren zu vergleichen sind. Von ihnen ist der mit Lust imGräßlichen wühlende, zuletzt im Wahnsinn endende Livländer Reinhold Lenz (f 1792) und derplump und geistlos das Bestehende anpackende, aber im russischen Dienste zu Maß und Ruhegekommene Mitbürger Goethes, Maximilian Kling er zu nennen. Ihr Lehrer aber fand jenenOrt der Ruhe, der später den höchsten Rühm deutschen Geistes emporsprossen sah. Wie dasgroße Preußen unter Friedrich II. deutsche Thatkraft zeitigte, so reifte in dem kleinen Weimarjetzt die deutsche Dichtung im klassischen Gewände. Herzog Karl August, ein Verehrer desalten Fritz und für die Wiedergeburt des Reiches in tiefster Seele begeistert, begann seineRegierung mit Goethes und Herders Berufung. In den ersten Jahren derselben schlugen nunSturm und Drang ihr Hauptquartier dort auf. Mit dem jungen Herzog, welcher sich ihnenfröhlich beigesellte, feierten die eifrig herbeiströmenden genialen Dichter lustige Feste undtobten sich tüchtig aus. Es waren die Burschenjahre voll goldener Freiheit, die nicht zu einemPhilistertum, sondern zur erhabenen Darstellung des Schönen vorbereiteten, die goldene Schaleantiker Form mit diamantenen Früchten modern-kosmopolitischen Geistes füllend.

Zu dieser Arbeit fehlte noch einer, der jüngste Stürmer und Dränger, der SchwabeFriedrich Schiller, der am 10. November 1759 zu Marbach in Württemberg unter derärgsten Periode der Tyrannei Karl Eugens, welchem sein Vater diente, geboren worden. Erzählte schon seit dem Jahre 1773 zu den Zöglingen der Karlsschule, die von dem Herzogin der Zeit seiner allmählichen Besserung (1775) aus einer Militärakademie zur Hochschulealler Künste und Wissenschaften, mit Ausnahme der Theologie, umgewandelt und von Ludwigs-burg nach Stuttgart verlegt worden war, seit welcher Zeit Schiller auch das Studium derHeilkunde ergriffen hatte. Aber erst im Jahre 1781 erkannte der Kaiser diese Schule alsUniversität an. Sie war besser als ihr Ruf; wenn auch stramme militärische Zucht an ihrherrschte, verbreitete sie doch solide Kenntnisse nach damaliger Weise. Es war der die Zeitdurchbebende Drang nach Freiheit, welcher den 1780 als Feldscherer angestellten Schiller aufdie Bahnen des „Götz" und „Werther", Schubarts, Gerstenbergs und vor allem Shakespearestrieb. Im Jahre 1781 erschienen seine „Räuber", eine Steigerung des „Götz": das Titel-blatt zeigte einen Löwen mit der Inschrift „in t^rannos". An die Stelle des Raubritterstrat eine ganze Raubbande, und ein edler Bandit vermaß sich, durch Beraubung der Reichenund Unterstützung der Armen eine soziale Republik in Deutschland zu errichten, „gegen welcheRom und Sparta Nonnenklöster" sein sollten. Tugend und Laster sind in der Dichtung that-sächlich übertrieben und unmöglich; wahre Männlichkeit findet sich in keinem der feindlichenBrüder, wahre Weiblichkeit ebensowenig in der einzigen Frau des Stückes. Des Herzogs Ein-schreiten gegen die „Räuber" erfolgte erst nach ihrer Aufführung (1782 in Mannheim) undnur aus einem nebensächlichen Grunde; dasselbe zwang den Dichter nicht, sondern veranlaßteihn nur, aus Württemberg zu fliehen und sich in Thüringen ganz der Poesie zu widmen.In Schillers nächstem Drama „die Verschwörung des Fiesco zu Genua" nahm die unklare