Schillers Jugendperiode. Das Räuber- und Gaunerwesen. 383
republikanische Tendenz der Räuber eine historische Färbung an, fanden die ShakespeareschenVolksscenen ein wohlgelungenes Echo. Das Stück brachte ihm trotz seiner Unvollkommenheitenallseitige Anerkennung ein. Aber in „Luise Millerin", das später den Titel „Kabale und Liebe"erhielt, schuf er ein — schwächeres; dem erweiterten „Götz" folgte ein erweiterter „Werther"mit psychologisch unmöglicher Katastrophe. Des Stückes Spitze richtete sich indessen gegen dieZustände an den Fürstenhöfen, denen die italienische Maske Lessings abgerissen und die im Lichtedes Maitressentums, Günstlingswesens und Soldatenhandels jetzt in voller Nacktheit bloßgestelltwurden. Daher der ungeheure Beifall. Neben diesen drei Dramen gingen die denselben Geistatmenden kraftvollen, aber maßlosen Gedichte „die Schlacht" und „die Kindcsmörderin" einher,während er in seinem unvollendet gebliebenen Roman „der Geisterseher" begann, ein weit-verbreitetes Treiben seiner Zeit zu schildern: ein Werk, das ebensoviele Gespenstergeschichtenmit haarsträubenden Titeln hervorrief, wie auf „Götz" Ritter-, auf „Karl Moor" Räuber-und sogar auf „Siegwart" Klosterromane folgten.
Die Jugendperiode Schillers war in dreifacher Beziehung eine Revolution, die sich vonder Bühne gegen Gesellschaft, Staat und Hof richtete. Aber Deutschland focht sie nicht mitWaffen aus. Es sah, wie sein westliches Nachbarland das Niederreißen sich angelegen sein ließ,und wandte sich statt dessen dem Aufbauen zu. Indem es seine Kunst und Wissenschaft aufunanfechtbarem Boden gründete, bereitete es sich auf eine freiere Zukunft, die doch einmalkommen mußte, besser und würdiger vor, als durch blutige Scenen, die in Frankreich dochnur eine neue und härtere Gewaltherrschaft an Stelle der gestürzten herbeiführen mußten undherbeigeführt haben.
Einen eigentümlichen Gegensatz zum „Sturm und Drang" bilden die in derselben Periodeerschienenen breiten und langweiligen Romane, deren in der Zeit von 1773—1706 übersechstausend gezählt worden sind, — meist Nachahmungen englischer Muster, unter deren Ver-fassern Hermes, Musäus, Thümmel, Hippel, Engel, Lichtenberg und Merck, der Freund Goethes,zu nennen sind. Sie waren ein Erzeugnis ihrer Zeit, aber weiterbildende Kraft wohnte ihnennicht inne; jetzt sind sie vergessen.
Faksimile einer Radierung von Salomon Geßner.Originalgröße.
Zu einem der bedeutendsten Dichterwerke der Sturm- und Drangzeit hat den Stoffdas weitverbreitete Unwesen geliefert, welches in dieser Periode Räuber und Gauner in einemMaße trieben, das zu der in jener Periode so auffallenden Aufregung der Gemüter gewiß nichtwenig beigetragen hat.
Seit dem dreißigjährigen Kriege hatte das Räuber- und Gaunerwesen niemals auf-gehört, seine Schrecken zu entfalten; weder die Steigerung der Todesstrafen in der zweitenHälfte des siebzehnten Jahrhunderts (S. 225), noch ihre Abnahme in der Zeit der Aufklärungkonnten dieser Landesplage Einhalt thun.
Die Zusammenrottungen der Verbrecher gegen Leben und Eigentum dehnten sich aus wieein schleichendes Gift; sie durchdrängen alle Schichten der Gesellschaft und alle Gegenden desReiches, welches übrigens hierin nicht schlimmer daran war als die übrigen europäischenLänder. Diese Banden hatten ihre Oberhäupter und pflegten, wie die geheimen Gesellschaften,ihre Mitglieder, die vorher vielfach Wilddiebe gewesen waren, unter gewissen ceremoniellenFormen aufzunehmen; oft auch mußten sich dieselben Folterqualen unterwerfen, um nachmals