Ende der alten Kaiserwürde. Die Romantiker.
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Ohne die materielle Not wäre es vielleicht nicht zu einer Erhebung der Deutschen jenerZeit gekommen, ehe nicht Napoleon durch andere Kräfte gestürzt worden wäre. Aber anchdie materielle Not hätte nicht zu dem Umschwünge geführt ohne die Mitwirkung gleichzeitigeridealer Bestrebungen, welche der Bewegung einen höheren Inhalt und edleren Geist verliehen.Welches dieser Inhalt war, lag in der Zeit und in den Zeitgenossen begründet. Wir habengesehen, daß die Schrecken der französischen Revolution in den höher organisierten GeisternDeutschlands eine tiefgreifende Abneigung gegen revolutionäre Tendenzen überhaupt gepflanztund genährt hatte, der gegenüber Herder und Jean Paul mit ihrer Hinneigung zu revolutio-nären Sympathien nicht aufkommen konnten, — so daß Goethes und Schillers erhabensteSchöpfungen, soweit es die Darstellung des reinen Ideals überhaupt zuließ, einen wesentlichkonservativen Charakter erhielten. Vom Konservativismus zur Reaktion ist aber bei unter-geordneteren'Talenten kein weiter Schritt; was man zu erhalten wünscht, das ist man leichtversucht, so zu befestigen, daß es durch keine Bewegung zu beseitigen ist. Schon vor derRevolution des Nachbarlandes war diese Richtung vorhanden; wir haben gesehen, daß nebendem über die Aufklärung hinausgehenden Sturm und Drang, wie er sich in Goethes undSchillers Jugendwerken kundgab, auch ein Sturm und Drang gegen die Aufklärung sich inHamann, Lavater, Claudius u. a. geltend machte. Das Wüten der Schreckensmänner gegenalle Religion stärkte in deutschen Kreisen das religiöse Gefühl so sehr, daß es jetzt ein reaktio-näres wurde. Aus den Tyrannenhassern wurden die Brüder Stolberg die demütigsten Christen,und so ging es noch vielen anderen. Die reine und erhabene Klassizität des „Faust",„Hermanns und Dorotheas", „Wallensteins" ward im allgemeinen nur wenig verstanden;zwischen Goethe und Schiller, Kant und Fichte und ihrer Nation gähnte eine tiefe Kluft,die kein Dichter oder Philosoph zu überbrücken vermochte. Als daher Schiller allzufrüh starb,zu einer Zeit, da Goethes klassische Schaffenskraft bereits ihr Ende erreicht hatte, und es anebenbürtigen Nachfolgern der Dioskuren bis weit hinab auf der Stufenleiter der Talente fehlte,da bewirkte der Haß gegen die Revolution und gegen die durch sie erzeugte, immer näher-kommende und immer fühlbarer werdende Fremdherrschaft unter den deutschen Schriftstellernein Überwiegen politischer,. philosophischer und religiöser Tendenzen, die geradezu nach demMittelalter zurückstrebtcn: d. h. nach dem, was man damals so nannte; denn das wirklicheMittelalter kannte man nicht. Wie früher nach vorwärts, so gab es jetzt einen Sturm undDrang nach rückwärts. Die klassische Richtung hatte Wohl das Gefallen an der schönen Formgefördert; den hohen Geist aber konnte sie nicht verleihen, wo feine Vorbedingungen fehlten.Wie die früheren Stürmer und Dränger nach Geist gestrebt und die Form verachtet hatten,so huldigten die neuen, welche man nun aber Romantiker hieß, mit sehr ungleichem Erfolgeder Forin, ohne ihr den Geist einimpfen zu können. Der Grundgedanke der Romantiker war:aus der unbefriedigenden Gegenwart sich in eine schönere Vergangenheit hineinzuträumen, undzwar nicht in Befolgung von Regeln, sondern auf die Weise, die jedem von ihnen eben beliebte.
Die Grundlage dieser Richtung findet sich in der Philosophie Fichtes. Dieselbe ver-einigte alles Sein und Denken im Ich, das demnach alles von sich abhängig machte. Aller-dings verstand Fichte unter diesem Ich ein allgemeines, alles umfassendes. Weil dasselbe über-schwer faßbar ist, setzten die Romantiker das subjektive Ich, das Ich jedes Einzelnen, an seineStelle; jeder konnte daher mit dem Ganzen schalten und walten, wie es ihm gut dünkte. DieRomantiker suchten in der Poesie nicht, was nach Erfahrung und Anerkennung der vor-geschrittenen und gebildeten Menschheit schön war, sondern was jedem von ihnen schön er-schien, darzustellen.
Soviel in Bezug auf die Dichtkunst. Allein die romantische Schule beschränkte sich nichtauf diese, sondern erblickte eine ihrer hauptsächlichsten Aufgaben in der Begründung einernenen Auffassung der Religion, wie sie dem sehr verbreiteten Widerstände gegen dieirreligiösen Tendenzen der Revolution entsprach. Eine Rückkehr zu einem tieferen Gottes-glauben, als es jener der Aufklärung gewesen, lag gewissermaßen in der Luft, und diesemZiele kam die spätere Gestalt der Philosophie Fichtes sowohl, wie die Lehre seines Nach-folgers in Jena, Schelling, entgegen.